Neben der Justizvollzugsanstalt Rosdorf trainieren Jäger in einem Schießkino

Üben für den Todesschuss

Anlegen, zielen, schießen: Im Schießkino können Jäger den schnellen und sicheren Schuss trainieren. Das Wildschwein auf dem Film erstarrt nach einem Treffer nur für einen kurzen Moment – und läuft dann unversehrt weiter. Foto: Mühlhausen Foto: Mühlhausen

Rosdorf. Freitagnachmittag am Göttinger Stadtrand: Stefan Cramm zieht den Abzug seiner Jagdbüchse, ein Schuss bricht durch den trüben Nachmittag, das Wildschwein ist tödlich am Kopf getroffen – und läuft nach einem kurzen Moment des Innehaltens weiter durch den Winterwald.

Bewegte Ziele

Ein klasse Schuss, Stefan Cramm ist zufrieden. Der Landwirtschaftsstudent und Jäger aus Einbeck-Immensen ist mit einer Gruppe junger Männer auf dem Schießstand des Jagdausrüsters MT Jagd. Nur einen Steinwurf entfernt vom Postfrachtzentrum und der Justizvollzugsanstalt Rosdorf trainieren hier jährlich Hunderte Jäger für den tödlichen Schuss auf Wild. Das Besondere: Statt auf statische Zielscheiben schießen die Waidmänner über 30 Meter scharf auf bewegte Ziele, die über Projektoren auf eine Leinwand geworfen werden – das macht das Training besonders realitätsnah und abwechslungsreich.

Die nächste Videosequenz: Wieder laufen Wildschweine durch den Winterwald. Cramm legt an, lässt das erste Tier – die Leitbache als Muttertier – ziehen und schießt stattdessen eines der darauf folgenden Jungtiere. Für zwei Sekunden hält der Film an, ein roter Punkt auf der Leinwand zeigt dem Schützen an, wo der Schuss sitzt. Wieder ein tödlicher Treffer, auch wenn er vielleicht ein paar Zentimeter weiter vorne sitzen könnte. Stefan Cramm lädt durch und macht sich bereit für den nächsten Schuss. „Jäger haben den gesetzlichen Auftrag zur Regulierung der Wildbestände und wir entscheiden mit einem Schuss über Leben und Tod. Das bedeutet für uns ein großes Maß an Verantwortung. Der Schuss muss sauber und sofort tödlich sein. Das Tier darf nicht leiden, deshalb trainiere ich hier“, sagt Cramm, der in Soest Agrarwirtschaft studiert.

„Besonders viel los ist im Herbst, bevor die Drückjagden beginnen“, sagt Peter Munz, Geschäftsführer des Jagdgeschäftes MT Jagd und Mieter des Gebäudes. Schießstand und Jagdgeschäft hat die Göttinger Jägerschaft gebaut und im April 2005 eröffnet. Seit dem erfreut sich die Einrichtung, in der die Jäger für den präzisen Schuss üben können, wachsender Beliebtheit: Im September sei es schon recht voll, im Oktober und November sei die Anlage nahezu ausgebucht, aber auch übers Jahr verteilt kämen immer mal wieder Gruppen und Einzelpersonen.

Von Beton umschlossen

Eine Gefahr für die Umgebung besteht nicht, denn der Schießstand ist halb unter der Erde und von allen Seiten mit Beton umschlossen „Das bietet für alle Vorteile: Es ist sicher, man kann hier unabhängig vom Wetter schießen.“

Viele Dutzende Videos stehen den Schützen, die immer von einer erfahrenden Schießstandaufsicht begleitet werden, zur Verfügung. Die meisten Gruppen wählen eines der Wildschweinvideos, bei der ganz besonders das Reaktionsvermögen des Jägers gefordert ist: „Wer hier trainiert will sicherer, schneller und präziser im Umgang mit seiner Waffe werden. Anlegen, zielen, schießen – das muss einem guten Jäger in Fleisch und Blut übergehen“, sagt Büchsenmachermeister Peter Munz.

Mehr gute Schüsse

Mittlerweile fordern sogar schon viele Organisatoren von Gesellschaftsjagden den Nachweis, dass der Teilnehmer auf dem Schießstand auf bewegte Ziele geschossen hat. Der Anteil der guten Schüsse nähme dadurch deutlich zu, die Nachsuchen von verletzten Wild hingegen ab.

Auch für Nichtjäger ist die Anlage offen: Sie können sich eine Waffe leihen, müssen eine Versicherung abschließen und können üben. Für eine Stunde fallen zwischen 70 und 90 Euro an.

Von Christian Mühlhausen

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