Akute Wohnungsnot in Göttingen: Studenten finden Zuhause im Zeltlager

Göttingen. Acht Zelte stehen auf dem Platz vor der Humboldtallee 9. Dort leben Studenten, die kein Zimmer gefunden haben. Nach einem Monat Zeltlager zieht die Wohnrauminitiative Bilanz.

„Im Durchlauf kamen 35 bis 40 Personen hierher“, sagt ein Sprecher, der ungenannt bleiben möchte. Etwa zehn Erstsemestler suchen noch eine feste Bleibe. Die Zeit wird knapp. Erst kam der Regen mit Matsch. Jetzt schleicht sich die Kälte kriechend in die Knochen. Der Oktober zeigt sich von seiner grauen Seite. „Da war mir die Matsche lieber“, sagt Nico.

Er studiert Physik im ersten Semester und möchte aus Kassel nach Göttingen ziehen. Zweieinhalb Wochen lebt er seit der Orientierungsphase mit seinen Kollegen hier. Er lernt gern draußen am Tisch vor dem Zelt. Wenn die Sonne sich zeigt, ist es sogar sehr schön, erzählt er.

Doch Sonnenstrahlen erreichen das Zeltlager momentan selten. Es wird schnell dunkel. Eine Suppe köchelt auf dem Gasherd. Gitarrenklänge vermischen sich mit dem Wind.

Die Studierenden singen und kuscheln sich unter Decken, gehen einkaufen und Holz holen. In ihrer Freizeit spielen sie Karten oder Schach. Die Idylle der Lagerfeuerromantik trügt.

Fast alle frieren in den Nächten. Die Wärme des Schlafsacks verpufft, sobald man aufsteht und zum Dixieklo rennt. „Wir müssen anfangen, warmen Tee zu trinken“, sagt ein weiterer Zeltbewohner. „Ich hatte mir das etwas anders vorgestellt. Heute war es richtig eisig“.

Andere Studenten gesellen sich abends dazu. Bekanntschaften aus anderen Fakultäten entstehen. „Das Zeltlager soll bis zum Ende der Woche aufgelöst werden“, sagt Thomas Winkelberg, Sprecher der Wohnrauminitiative.

Wohnungsnot in Göttingen: Studenten ohne Bleibe wohnen im Zeltlager

Dann können die Studierenden vorübergehend in die Voigtschule ziehen, die bis zum 27. November Studenten aufnimmt.

Er hat gute Erfahrungen mit dem Zeltlager gemacht. Der Trend, dass in Göttingen immer mehr Einzelappartments entstehen, halten er und sein Kollege für den falschen Schritt.

Ihrer Ansicht nach entspricht das nicht den Bedürfnissen der Studierenden, die auf gegenseitigen Austausch angewiesen sind. Sie wünschen sich, dass vorhandener Wohnraum nicht leersteht. Das Studentenwerk habe Wohnheime geschlossen, um Wohnungen zu sanieren, sie teurer zu machen oder sie einem anderen Zweck zukommen zu lassen.

„Das zerstört die Wohnkultur. Wir können leider keine Häuser bauen“, sagt der Sprecher. Aber Zelte. Und die stehen hier, bis es zu kalt wird. Jeder darf hier übernachten. Doch es gibt Hoffnung: Die Tendenz geht dahin, dass alle eine Wohnung finden. Und wer keine hat, kann immer noch in die Voigtschule ziehen.

Von Marie Therese Gewert

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