Anthropologische Sammlung der Göttinger Uni: Knochen vergessen nichts

Göttingen. Knochen verraten viel über einen Menschen, wissen Krimifans aus der einschlägigen US-Serie Bones – die Knochenjägerin. Wenn Dr. Susanne Hummel durch die noch nicht ganz fertige Ausstellung der Anthropologischen Sammlung in Göttingen führt, sind ihre wissenschaftlich fundierten Erklärungen ebenso spannend, wenn auch nicht so bluttriefend wie im Film.

Video: Geheimnis der Skelette

Selbst kleine Knochenfragmente genügen den Wissenschaftlern, um Geschlecht oder Körpergröße zu bestimmen. An der Feinstruktur der Zähne erkennen sie zum Beispiel, in welchem Alter ein Mensch gestorben ist: Denn die Zementschicht der Zahnwurzel bildet jedes Jahr einen Ring vergleichbar mit den Jahresringen der Bäume.

Einige Krankheiten oder ungünstige Lebensverhältnisse hinterlassen ebenfalls Spuren am Skelett. Objekte der Lehrsammlung aus Obduktionen bezeugen Gewalttaten, die längst gestorbene Göttinger erlebt haben. Der Laie sieht nur ein Loch im Schädel. „Hier ist eine Flintenkugel ins Auge gegangen“, erklärt Dr. Hummel. Doch der Schütze wurde nicht zum Mörder. Die Kugel sei eingeheilt, der Mensch habe überlebt, sieht die Anthropologin.

Andere Objekte zeigen, welche Veränderungen Krankheiten wie Tuberkulose, Rachitis oder Syphilis an Knochen bewirken. Einst diente die pathologische Sammlung zur Ausbildung von Medizinstudenten. Weil die Krankheitsbilder heute früh behandelbar und oft heilbar sind, ging die Lehrsammlung an die Anthropologie.

Das leichte Unbehagen, das Besucher beim Blick in die Glaskästen beschleicht, liegt der Wissenschaftlerin fern. Der Umgang mit Knochen ist für sie Alltag. „Wir haben hier mehrere Tausend toter Mitarbeiter“, stellt die Anthropologin durchaus mit Respekt die Abteilung des Johann-Friedrich-Blumenbach-Instituts vor. Zu den aktuell wichtigen Forschungsprojekten zählt die Untersuchung der Knochen von Menschen aus der späten Bronzezeit, die in der Lichtensteinhöhle bei Osterode entdeckt wurden.

Lichtensteinhöhle

Die Forscher identifizierten die Knochen von mindestens 60 Menschen und fanden durch genetische Untersuchungen heraus, dass alle miteinander verwandt waren. Das spricht gegen die anfängliche Theorie eines Opferplatzes. Stattdessen hat die Höhle offenbar einem Familienclan über Generationen als Bestattungsplatz gedient. Das sei ungewöhnlich, weil vor 3000 Jahren Brandbestattungen hier üblich gewesen seien, so Hummel.

Video: Frau oder Mann?

Auch an der Erforschung des Grabungsgeländes von Kalkriese im Osnabrücker Land, dem wahrscheinlichen Ort der Varusschlacht, in der die Römer im Jahr 9 nach Christus eine vernichtende Niederlage hinnehmen mussten, sind Göttinger Anthropologen beteiligt.

Doch längst nicht alle Funde sind so alt. 2008 wurde in Kassel ein Massengrab entdeckt. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern rekonstruierten die Göttinger Anthropologen unter anderem mithilfe einer DNA-Analyse Herkunft und Schicksal der 120 Toten: Diese stammten aus dem Elsass und gelangten vor 200 Jahren als Soldaten der napoleonischen Truppen nach Kassel. Gestorben sind sie nicht durch Gewalt, sondern an einer Typhusinfektion.

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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