Inszenierung am Deutschen Theater

Uraufführung „Der tätowierte Mann“: Impfstoff gegen das kollektive Vergessen

Eine Szene aus „Der tätowierte Mann“: in der Inszenierung von Kevin Barz im DT-2 des Deutschen Theaters Göttingen spielen Paul Wenning und Anna Paula Muth.
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Eine Szene aus „Der tätowierte Mann“: in der Inszenierung von Kevin Barz im DT-2 des Deutschen Theaters Göttingen spielen Paul Wenning und Anna Paula Muth.

In seinem Debutstück „Der tätowierte Mann“ hat Peter Wortsman Interviews genutzt, die er mit KZ-Überlebenden und Zeugen geführt hat. Für die Uraufführung in der Regie von Kevin Barz im DT-2 des Deutschen Theaters spendete das Publikum langen Applaus, der sich betroffen anhörte.

Göttingen – Dem bisher Ungesagten sei das Drama gewidmet, schreibt der Autor, selbst Jude deutschsprachiger Abstammung. Das literarische Produkt beziehe sich auf Interviews, die er in den 1970er in Wien „mit Zeugen und Überlebenden der schlimmsten Exzesse der westlichen Zivilisation“ geführt habe. Ausschnitte daraus, die später wiederkehren, sind – leider teils nicht ganz leicht verständlich – zum Stückbeginn zu hören.

Die Interviews in dem dokumentarischen Schauspiel führt eine junge Frau (Anna Paula Muth). Immer wieder rückt sie die Kamera zurecht, um die Antworten des früheren KZ-Häftlings festzuhalten.

Das, was der Mann im weiten Pullover (Paul Wenning) erzählt, fasst das Unaussprechliche in fast zu normal klingende Worte. „Ich bin ein Auschwitzer, Gefangener Nummer 70333“, sagt er und zeigt als Beweis seinen Unterarm mit Nummer.

Der Mann schildert unfassbare Begebenheiten - von seinem Freund Fred, einem beliebten, jungen Kerl, der sich wegen eines Stück Brots erhängte. Er hätte es mit den anderen teilen sollen. Stattdessen aß er es ausgehungert. Nachdem sein Gürtel riss, lieh er sich den zweiten - als Galgen.

Der Mann berichtet, wie die KZ-Insassen es schafften, sich ein Stückchen Himmel in der Hölle zu erkaufen. Auch sie hätten gespielt, getrunken, geliebt. Weil es kaum Frauen gab, hätten sie Männer genommen. Der Sprecher hatte Glück mit einer Krankenschwester. Von den Versuchen an den Frauen in ihrer Betreuung habe er viel später erfahren. Obwohl die Frau sich nach dem Krieg ein Leben mit Familie aufgebaut habe, habe sie sich das Leben genommen. „Man kann kein normales Leben mehr führen“, zieht der Mann mit der unauslöschlichen Nummer sein Fazit. Seine gestreifte KZ-Uniform hat er im Kleiderschrank aufgehoben.

Klug ermöglicht der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Barz den Zuschauern Distanz, um das Grauen zu ertragen. Der „Auschwitzer“ ist nur auf der Leinwand zu sehen und wird so zum Zeitdokument für die Nachwelt. Ohne Worte spiegelt seine Interviewerin das Grauen. Sie schluckt, zittert, zieht sich die Strickjacke über, bezwingt manchmal nur mit Mühe ihre Tränen. Das Regieteam war quarantänebedingt beim Applaus nicht dabei. Der anwesende Autor Peter Wortsman stellte sich im Nachgespräch vielen Fragen der Zuschauer. Er betrachte die gesamtgesellschaftliche Entwicklung nach rechts mit großer Sorge und versteht laut Programmheft sein Werk als „Impfstoff gegen das kollektive Vergessen.“

„Das Stück hat mich sehr berührt“, sprach eine Zuschauerin aus, was viele nach der großen Leistung von Regie und Schauspielern empfanden. (Ute Lawrenz).

Weitere Vorstellungen am 14.10., 10.11. und am 24.11. Weitere Infos gibt es hier.

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