Verstörendes Stück im Deutschen Theater über Kinder in der NS-Zeit

Gemeinsam: Schüler der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel, die Mädchen mit artigen Zöpfen, singen ein Volkslied in der Inszenierung „Zeit bezeugen - Kindheit in der NS-Zeit“ im Deutschen Theater in Göttingen. Foto: Thomas Müller/nh

Göttingen. Schüler spielen Schüler in der NS-Zeit und bereiteten das Stück „Zeit bezeugen – Kindheit in der NS-Zeit“ des Deutschen Theaters im Rahmen des Projektes „Schule: Kultur“ vor. Schüler der 6. Klasse der Paul-Gerhardt-Schule in Dassel interviewten Zeitzeugen, betagte Menschen, deren Kindheit während der NS-Zeit von 1933 bis 1945 lag.

Uraufführung

Bei der Uraufführung der Collage aus diesen Interviews und aus nachgestellten Szenen einer Kindheit während der NS-Zeit kam man aus dem Schaudern nicht heraus. Das lag auch an dem Drill, dem die Kinder ausgesetzt wurden. Als die Kinder den Hitlergruß übten, lief es einem kalt den Rücken herunter.

Augenöffner

Ein verstörender Augenöffner waren vor allem die Zitate aus damaligen Lehrplänen und Lernzielen, die um die Kernbegriffe „rassisch“ und „völkisch“ kreisten. Gerd Zinck und Marie Seiser trugen sie mit schneidender Kasernenhofstimme vor. Beim Zitat „Der Kuckuck ist der Jude unter den Vögeln, er gehört hinausgeworfen“ traute man seinen Ohren nicht.

Systematische Erziehung

Überdeutlich wurde dabei die perfide und erschreckende systematische Erziehung der Kinder zur Verherrlichung des „Führers“, zum Kampf für das deutsche Volk und zur Verinnerlichung der Rassenideologie. Diese Indoktrinierung begann mit dem dritten Lebensjahr und „Wir lassen den Menschen nicht mehr los, bis zum Grab“, hieß es.

Unschuldige Opfer

Die Befragten dagegen, die unschuldigen Opfer der damaligen Indoktrinierung, sprachen von einer schönen Kindheit. Es habe genug zu essen gegeben, und man habe viel Freizeit gehabt. Die Nachmittage im Bund Deutscher Mädel und im Jungvolk mit Singen und Wandern hätten Spaß gemacht. Nur der Drill und das Marschieren seien nicht so schön gewesen.

Differenzierungen

„Solche gemeinsamen Unternehmungen fänden wir auch gut“, meinten im Interview nach der Uraufführung die Darstellerinnen Alina (11) und die zwölfjährigen Amy und Jolina. Der Drill und das Marschieren empfanden sie aber als unangenehm, und „was die Nazis den Juden angetan haben, war wirklich schrecklich.“ Auf die Frage, ob die Mitwirkung an dem Projekt trotz des problematischen Themas Spaß gemacht habe, leuchteten die Augen der Mädchen, und das „Jaaa“ kam ohne Zögern.

Dank des Intendanten

Intendant Erich Sidler dankte allen Mitwirkenden und dem Team aus der Schule und aus dem DT um Regisseur Gernot Grünewald. Sidler betonte die Stärken des Projektes „Schule:Kultur“: „Die Schule ordnet Fakten, das Theater kann Emotionen auslösen.“ Er fügte hinzu: „Dieses Stück zeigt, wie verführbar Kinder sind.“

Nichts gelernt

Ein bei der Uraufführung anwesender Zeitzeuge bedauerte im Gespräch mit der HNA, dass sich die Geschichte zu wiederholen scheine. „ Schauen Sie doch beispielsweise, was sich in der Türkei derzeit abspielt.“

Keine Belehrungen

Ein Lehrer erzählte im Interview, dass sich die Zeitzeugen gefreut hatten, einfach drauf los erzählen zu dürfen, ohne auf Belehrungen oder Verurteilungen zu stoßen. Das sei in Gesprächen mit Erwachsenen meist anders.

Zwei weitere Aufführungen

Die zweite Aufführung am 16. Februar ist ausverkauft. Für eine weitere Aufführung am Donnerstag, 9. März, ab 10 Uhr gibt es noch Restkarten.

www.dt-goettingen.de/stueck/kindheit-in-der-ns-zeit

Von Anne-Lise Eriksen

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