Hölty-Schüler machen Politik– Ratsmitglieder glänzen mit Abwesenheit

Projekt „Kinderdemokratie“: Viertklässler machen Politik

Schüler als einfallsreiche Politiker: Die Schüler der Hölty-Schule präsentierten im Ratssaal die Ergebnisse ihrer parteiinternen Beratungen und fanden eine Lösung. Fotos Kopietz

Göttingen. Die Probleme von Feldorf sind die ungelösten Probleme vieler Dörfer, Gemeinden und Städte – auch von Göttingen: In Feldorfs Zentrum ist es gefährlich, dort rollen massenhaft Autos und Lastwagen.

Sie sollen raus aus dem Ort, auf eine Umgehungsstraße, die aber würde die Natur in einem Wald und wertvolles Ackerland der Bauern vernichten.

Und: Die Geschäftsleute im Ort wollen, dass der Verkehr und Rubel weiter rollt. Die Politik muss handeln, eine Entscheidung finden. Die Politiker von Feldorf sind Viertklässler, Schüler der Klasse 4a von Lehrerin Antje Holm-Martell der Hölty-Grundschule.

Was den Kindern in einem mit Playmobil-Figuren animierten Film gezeigt wird, ist eine echt harte Nuss, die es für die Kinderpolitiker zu gilt. Angeleitet dabei werden sie von Experten des Göttinger Institutes für Demokratieforschung, das der Universität angliedert ist.

Das Institut erforscht, wie es um die Aufmerksamkeit von Kindern für die Politik steht. Die Wissenschaft blendet die Jungbürger in diesem Alter aus. „Es gibt kaum Untersuchungen mit Kindern unter zwölf Jahren“, sagt Daniela Kallinich. Sie und ihre Kollegen vom Göttinger Institut wollen in dem Projekt „Kinderdemokratie“ aber auch den Umgang mit Politik spielerisch lehren.

Und: Gleichzeitig sollen die Älteren merken, dass Politik auch für Kinder von Bedeutung ist. Deshalb waren Mandatsträger des Stadtrats zur Abschlusspräsentation mit den Hölty-Schülern geladen. Ganze zwei kamen am Freitag in den Ratssaal, der Rest glänzte mit Abwesenheit – ebenso wie die Spitzen der Verwaltung.

So viel Spaß macht Politik: Die beiden Vierklässlerinnen aus der Hölty-Schule auf dem Platz des Bürgermeisters im Ratssaal.

Dabei hätten sie im Parlament erleben können, wie Kinder das kniffliges Problem Umgehungsstraße lösen – ohne Prinzipienreiterei und Fraktionszwang. Die (Kinder-)Parteien präsentierten ihre Ideen und fanden am Ende eine Lösung: Die Umgehungsstraße kommt nicht, aber die Orstdurchfahrt wird entschärft, sicherer gemacht.

„Sie haben super mitgearbeitet gestritten, ihre Meinungen vertreten und nach Lösungen gesucht, das war toll“, sagt Projektleiter Johannes Melchert. Die Hölty-Schulleiterin Carina Seidenstücker war ebenso begeistert: „Die Kinder waren toll, und wir würden das Projekt gerne mit anderen Klassen machen.“

Beeindruckt waren auch die Mandatsträger Gerda Fischer (CDU) und Gerd Nier (Linke). „Das war toll und sachlich“, lobte Fischer. Nier sagte treffend: „Vorbildlich.“

Die motivierten Nachwuchspolitiker wollen nun „vielleicht einmal“ später in die Politik einsteigen. Noch lieber aber würden sie für die eigenen Belange in einem Kinder- und Jugendparlament kämpfen. „Das wäre toll!“

Ein Kinderparlament gibt es in Göttingen nicht, wohl aber die Tatsache, dass die Stadt für die Nutzung des Rathaussaals 600 Euro in Rechnung stellte. „Unglaublich“ fand das nicht nur eine Mitarbeiterin des Projektes Kinderdemokratie.

Das sagt: die Stadt

„Es gibt eine vom Stadtrat beschlossene Gebührensatzung für die Nutzung des Ratssaales. Die Veranstalter wussten darüber sicher Bescheid, als sie den Raum mieteten“, sagte Stadt-Pressesprecher Detlef Johanson auf Anfrage. „Wir können uns nicht von Fall zu Fall und nach Mögen und Nichtmögen entscheiden, wer eine Miete zahlt oder wer nicht. Wer den Ratssaal mieten will, muss sich an die Bedingungen halten.“ Der Stadt-Sprecher weiß nicht, ob die Stadt-Spitze von der Veranstaltung mit den Schülern im Ratssaal Kenntnis hatte. Wenn keine Einladung vorgelegen habe, dann hätte es sein können, dass der Oberbürgermeister nicht Bescheid gewusst habe, sagte Johannson. (tko)

Das sagt: Das Institut für Demokratieforschung

„Wir wollten den Kindern unbedingt das Erlebnis schaffen, sich im Raatssaal als Politiker zu fühlen“, sagt Johannes Melchert vom Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Das sei auch bei früheren Veranstaltungen ein wichtiger Baustein der Projektveranstaltungen mit Grundschülern gewesen. „Wir waren doch sehr überrascht, als wir für die Saal-Nutzung zahlen mussen.“ Andernorts sei so etwas nicht üblich gewesen. Üblich war dort, dass auch Verwaltungsmitarbeiter und Bürgermeister die Nachwuchspolitiker begrüßten. Auch in Göttingen seien Dezernatsleiter und der Oberbürgermeister eingeladen worden. Insgesamt aber gibt es eine gute Zusammenarbeit bei Projekten zwischen Institut und Stadt, sagte Melchert. (tko)

Kommentar: "Politiker, wo wart ihr?"

Diese Chance hat die „große Politik“ in Göttingen vertan: Als Viertklässler der Hölty-Schule ihre politische Arbeit im Ratssaal vorstellen, waren zwar viele Eltern, Lehrer, einige Journalisten, aber nur wenige Politiker und überhaupt keine Verwaltungsvertreter da. Dafür sitzt die Zehnjährige Moana auf dem Stuhl des Oberbürgermeisters und ist eine muntere Vertretung.

Und: Die jüngeren Ratsmitglieder zeigen ihren älteren „Vorbildern“, wie Politik funktionieren kann. Sie finden die Lösung in Sachen Umgehungsstraße, treffen eine Entscheidung. Das schafften Göttingens Politiker bei der Südumgehung nicht. Sie benötigten die Bürgerbefragung.

Die vornehme Zurückhaltung der Polit-Profis am Freitag ist ein Trauerspiel. Mag sein, dass einige am Mittag keine Zeit hatten, vielleicht war auch für manche inklusive der Verwaltungsvertreter der Weg schlicht zu weit. Es wäre neben der Erfüllung der Gastgeber-Pflicht auch die Chance gewesen, den Kindern Respekt zu zollen. Schließlich geht es ja um nicht mehr oder weniger als den Nachwuchs für unsere so geschätzte Demokratie zu gewinnen.

Schlimmer noch: Das Göttinger Institut für Demokratieforschung musste für die Nutzung des Ratssaales auch noch 600 Euro berappen. Da hätte sich abseits der Nutzungsgebührenordnung sicher eine andere Lösung finden lassen können. tko@hna.de

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