Organs-Prozess: Verteidigung sieht Etappe erreicht – Staatsanwaltschaft lässt nicht locker

Voerst frei und doch keine rosige Perspektive für O.

Bald zu Hause: Der angeklagte Chirurg Dr. O. zum Prozessauftakt im Gerichtssaal mit seinen Anwälten Steffen Stern (rechts), Jürgen Hoppe und Ulf Haumann sowie einem Justizbeamten. Foto: Jelinek

Göttingen. „Wir sehen uns dann am 6. Januar“, sagt Richter Rolf Günther zum Schluss der Sitzung des Landgerichts im Transplantationsprozess am Montag. „Ganz sicher“, antwortet der Angeklagte, Dr. O., sofort. Der Chirurg wird also 2014 wieder anreisen – von Zuhause, denn die Zeit in der Untersuchungshaft gehört vorerst der Vergangenheit an.

Dennoch verließ O., noch in Begleitung der Justizbeamten, und wohl mit gemischten Gefühlen den Saal.

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Ursache dafür: Einerseits der Eindruck, endlich auf freiem Fuß zu sein, andererseits vielleicht die Gedanken an die belastenden Aussagen des Richters. Denn in einem Fall, bei dem die Notwendigkeit zur Lebertransplantation fraglich war – ein so genannter Indikationsfall – hat das Gericht nach Anhörung von bislang 50 Zeugen und fünf Sachverständigen fahrlässiges Verhalten des Chirurgen ausgemacht. Und das hatte fatale Folgen: Bei der Patientin habe eine

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Fehldiagnose – eine schwere Leberzirrhose statt einer leichteren Leberfibrose – vorgelegen. Sie hätte keine neue Leber benötigt. O. operierte die Frau, die danach verstarb.

Juristisch heißt das: Es besteht ein dringender Tatverdacht auf fahrlässige Tötung. Darauf steht eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig lässt am Montag im Landgericht Göttingen verlauten, dass man mit dem Beschluss der Kammer, die U-Haft auszusetzen, nicht einverstanden ist: „Die Fluchtgefahr besteht. Der Angeklagte hat gute Kontakte ins Ausland.“ Die Beschwerde gegen die Aussetzung geht an das Oberlandesgericht. Eingeschränkte Freiheit auf Zeit heißt das für den 46-Jährigen.

Halbwegs zufrieden – die Verteidigung: Steffen Stern ist nach der Verhandlung kurz angebunden: „Wir haben eine Etappe auf dem langen Weg erreicht.“ Angestrebt hatten die drei Verteidiger den Stopp der U-Haft schon seit dem Verhandlungsbeginn. Den Haftbefehl hatte Stern mit „aberwitzig“ und die Begründungen mit „an den Haaren herbeigezogen“ kommentiert. Stern und Kollege Hoppe als Medizinrechtler steht weiter viel Arbeit ins Haus: Sie müssen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung entkräften.

Im Hintergrund stehen aber auch die von den Prüfern der Bundesärztekammer dokumentierten 79 Regelverstöße im Transplantationbereich des Uni-Klinikums. In diesem Zusammenhang hatten Zeugen den Chef des Oberarztes, Prof. R., belastet. Ein Arzt bezichtigte den Direktor, die Manipulation von Blutproben persönlich angewiesen zu haben. Der von seinen Aufgaben befreite Professor könnte auch noch vor Gericht landen – aber erst nach Ende des Prozesses gegen seinen Chirurgen. Dr. O, der oft während der Verhandlungen selbstbewusst lächelt, wirkt gestern gegen Ende angestrengt, nachdenklich. Kein Jubel, keine Gesten ins Publikum, wo jemand unangemessen klatscht. Seine Frau und Prozessbegleiterin weint – Erleichterung?

Von Thomas Kopietz

Kommentar

Nur ein Fingerzeig im Organ-Prozess

Thomas Kopietz zu be- und entlastenden Ereignissen im Prozess gegen den Leber-Chirurgen

"Nein, überraschend kam die am Montag verkündete vorläufige Freilassung des Transplantationsmediziners aus der Untersuchtungshaft nicht. Denn bislang gab es während der 20 Verhandlungstage nur Andeutungen dafür, dass der Chirurg direkt an Handlungen zu Datenmanipulationen

Thomas Kopietz

beteiligt war, aufgrund derer Patienten schneller zu einer Leber gekommen sein sollen und andere Wartende Schaden genommen haben könnten. Deutlich wurde im Prozessverlauf bisher aber auch: In der Uni-Klinik gab es unter Dr. O. und dessen Chef in ihrer „Klinik in der Klinik“ zahlreiche Verstöße gegen Richtlinien.

Andeutungen von Zeugen haben dieses Bild verstärkt. Auch der UMG-Vorstand widerspricht dem nicht. Die Staatsanwaltschaft aber muss Beweise liefern für die Anklagepunkte Totschlag- und Körperverletzung mit Todesfolge. In einem Fall könnte das greifen, was eine Freiheitsstrafe zur Folge hätte. Der Aufschub der U-Haft ist deshalb keine Vorentscheidung, sondern nur ein Fingerzeig auf ein mögliches Urteil." tko@hna.de

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