Das Göttinger Wohnprojekt Casa Zwo hilft jungen Mädchen mit Essstörungen

Wege aus der Magersucht

Göttingen. Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Nach einer Studie der Universität Ulm erkrankt rund ein Prozent aller Frauen zwischen 15 und 35 Jahren. Seit dem 1. Juni gibt es in Göttingen das Wohnprojekt Casa Zwo für junge, essgestörte Mädchen, das ihnen einen Weg aus der Sucht zeigen soll.

An der Wand des Gemeinschaftsraumes hängt ein Bild mit einer Figur, die an eine füllige schwimmende Frau erinnert. Bunt und fröhlich wirkt es, wie der ganze Raum, in dem die jungen Bewohnerinnen von Casa Zwo zusammenkommen, um sich über ihre Krankheit auszutauschen. Sechs Plätze bietet Casa Zwo für 12- bis 18-jährige Mädchen aus ganz Deutschland, die an Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brechsucht) leiden. 95 Prozent der von Essstörungen Betroffenen sind Mädchen. Häufig beginnt die Störung mit der Pubertät. „Die Ursachen sind multifaktoriell, oft ist es eine Mischung aus körperlichen Veränderungen, Leistungsdruck und falschen Schönheitsidealen“, weiß Ursula Koch, Diplom-Pädagogin und Leiterin des Projekts der Therapeutischen Frauenberatung Göttingen.

Das pädagogisch-therapeutische Konzept der Einrichtung umfasst Einzeltherapien und Gruppengespräche ebenso wie begleitete Mahlzeiten. Anderthalb bis zwei Jahre bleiben die Bewohnerinnen in einer der beiden Wohngruppen von Casa Zwo, bevor sie in die Herkunftsfamilien zurückkehren. Denn „dort ist die Krankheit entstanden, dort ist sie am schwierigsten zu beheben“, erklärt Ursula Koch.

Das Projekt ist ein Angebot für die Nahtstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Casa Zwo soll den Mädchen auf ihrem Weg in ein normales Leben mit geregelten Mahlzeiten und sozialen Kontakten laut Koch „ein zweites Zuhause bieten“. Ein Weg, der bei Magersüchtigen durchschnittlich sieben Jahre dauert. „Je kränker ein Mädchen, desto isolierter und selbstbezogener ist es“, weiß Koch. In der Einrichtung sind 24 Stunden am Tag Ansprechpartner vor Ort. Das Team aus 15 therapeutischen und ernährungswissenschaftlichen Fachkräften ist ausschließlich weiblich, da Magersucht vorwiegend ein weibliches Problem sei. „Allerdings ziehen die Jungs nach“, erklärt Koch die Auswahl des Personals.

Geplant ist eine Erweiterung des Angebots auf 15 Plätze. Ein Platz bei Casa Zwo kostet monatlich 4000 Euro, die von den Jugendämtern getragen werden. Ursula Koch wünscht sich eine breitere Öffentlichkeit für das Thema „vor allem auch in den Medien, damit die Mädchen erkennen, dass das Ideal nicht die Normalität ist.“

www.casa-zwo.de

Von Sina Beutner

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