Corona-Virus: schnellere Eingriffe bei hohen Fallzahlen

Weil stellt detaillierten „Stufenplan 2.0“ mit schärferem Vorwarnwert vor

Ministerpräsident Stephan Weil
+
Kontrollierte Offensive: Getreu der Otto-Rehagel-Taktik im Fußball stellte Ministerpräsident Stephan Weil den „Stufenplan 2.0“ vor – der sieht auch schnellere massive Eingriffe bei hohen Fallzahlen vor.

Dieser „Stufenplan 2.0“ soll auf keinen Fall in den falschen Hals geraten: Deshalb sagt Stephan Weil in der Landespressekonferenz am Dienstagmittag vorneweg: „Es ist kein Lockerungsplan, den wir hier vorstellen. Es ist eine „Diskussionsgrundlage.“

Göttingen – Der „Stufenplan 2.0“ mit seiner sechsfachen Ampel soll eine Orientierung geben und geht nun zur Beratung in den Landtag, an Verbände und Beteiligte im Land, aber auch an alle Bundesländer, mit denen man sich weiter eng abstimmen wolle, so Weil.

Es ist also fraglich, ob der hochgradig ausdifferenzierte „Stufenplan 2.0“ jemals in seiner Ur-Form umgesetzt wird. Eine Grundlage für die nächste MP-/Kanzlerin-Runde am 10. Februar ist er in jedem Fall.

Niedersachsen prescht mit seinem „Stufenplan 2.0“ bundesweit vor, will aber auf keinen Fall einen Alleingang ankündigen. „Wir sind gerne Teil eines Großen und Ganzen“, betonte Stephan Weil.

Das Land verfolgt drei Kernziele: Verhinderung der Überlastung des Gesundheitssystems, Kontrolle des Infektionsgeschehens auch mit Blick auf die Corona-Virus-Mutationen und das Balance-Halten zwischen gesundheitlichem und wirtschaftlichem Schaden. „Veränderungen bleiben im Plan immer möglich, etwa bei neuen Erkenntnissen zu der Verbreitung der britischen und südafrikanischen Virusmutationen“, ergänzte der Ministerpräsident. Niedersachsen will also flexibel bleiben, reagieren können. Deshalb hat die Landesregierung aber nicht alles neu erfunden, viele Vorschläge basieren auf den Erfahrungen der vergangenen zwölf Corona-Monate. Eine Kernerfahrung: „Wir müssen energischer in Restriktionen einsteigen, wenn die Infektionslage schlechter wird.“

Vorwarnwert 25

Ein Marker dafür ist der Inzidenzwert – und ein neuer Vorwarnwert. Galt bisher die 7-Tages-Inzidenz von 35 als Vorwarnwert für ein drohendes Überschreiten der 50er Marke, soll jetzt ab einer Inzidenz von 25 stärker eingegriffen werden, um Kontaktmöglichkeiten zu reduzieren. Grund ist, dass es spätestens ab einer Inzidenz von über 50 „sehr rasch wieder zu einem exponentiellen Anstieg des Infektionsgeschehens kommen kann“. Damit reagiere man laut Weil auch auf die neuen Virusmutationen. Die seien vorhanden, man wisse aber zu wenig über Vorkommen und Dynamik.

Wirtschaft

Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) wies in der Pressekonferenz auf die Wucht hin, mit der die Wirtschaft getroffen wird. „Die Wirtschaft braucht neben der schnellen Finanzhilfe dringend eine Perspektive.“ Mit dem Stufenplan wolle man deshalb „einen verlässlichen, transparenten Ausblick geben“. Beherbergungsbetriebe und Restaurants könnten für alle eingeschränkt wieder ab einem Inzidenzwert unter 50 öffnen.

Abwarten heißt es auch für Lehrer, Eltern, Schüler und Kindergartenkinder. Die Zeitangaben für Änderungen und einen „Ubergangszeitraum bis zu den Osterferien“ blieben vage, obwohl Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) betonte: „Mit diesem Plan möchten wir den Schulen und Kindertageseinrichtungen sowie den Kindern, Jugendlichen und Eltern eine klare Perspektive und Orientierung geben – nach heutigem Stand.“

Schulen

Vor den Osterferien – Beginn: 29. März – wolle man, wenn es die Zahlen hergeben, in das Szenario B für alle wechseln – also den Wechselunterricht in kleinen Klassengruppen. Man benötige dafür einne Vorlaufzeit, sagte Tonne, dessen Leitsatz ist: „Bildung und Betreuung hat Priorität. Es gilt, so viel Präsenzunterricht und Betreuung wie möglich bei maximalem Gesundheitsschutz.“ Szenario A, also Präzenzunterricht wäre ab einer Inzidenz unter 50 die Regel.

Sozialministerin Carola Reimann (SPD), die sich für den verpatzten Impfterminvergabestart („Es ist nicht alles rundgelaufen“) ausdrücklich bei den Enttäuschten entschuldigte, wies darauf hin, „dass sich die vorgesehenen Stufen im Wesentlichen auf Werte für ganz Niedersachsen beziehen und landesweit gültige Beschränkungen vorgeben“. Den von Wissenschaftlern, darunter Virologen, Physiker und Wirtschaftsforscher, mittelfristig präferierten regionalen Lockerungen erteilte Reimann eine Absage: „Zusätzliche Lockerungen auf regionaler Ebene sind einstweilen leider nicht möglich, zu groß ist die Mobilität innerhalb Niedersachsens zwischen den Landkreisen und zu groß die Gefahr, dass auch aus Nachbarländern Menschen die dann eventuell wieder geöffneten Fitnessangebote oder Gaststätten besuchen oder zum Shoppen kommen würden.“

Der „Stufenplan 2.0“ des Landes Niedersachsen – einige Regelungen

Vorgesehen ist Ministerpräsident Weil zufolge „eine Art erweitertes Ampelsystem über sechs Stufen von einem geringen Infektionsgeschehen bis zu einem eskalierenden Infektionsgeschehen“. Beschrieben werden Szenarien von der Inzidenz unter zehn (Stufe 1) bis zu über 200 mit einem Reproduktionsfaktor (R-Wert) über 1,2 (Stufe 6). Aktueller Inzidenzwert: 77,7.

Bei Stufe 1 wären zum Beispiel Sportanlagen geöffnet und Kontaktbeschränkungen aufgehoben. Auch der Profisport dürfte stattfinden, mit eingeschränkten Zuschauerzahlen. Öffnen dürften mit entsprechendem Hygienekonzept auch Kneipen, Discos und Clubs sowie Hotels und Saunen. Auch für Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gäbe es so gut wie keine Einschränkungen.

Schulen und Kitas würden bei einer Inzidenz unter zehn in einen Normalbetrieb zurückkehren. Kitas könnten zwischen 50 und 100 aus dem Szenario C (geschlossen mit Notgruppen) in das Szenario B (feste Gruppen) wechseln. Szenario A (eingeschränkter Regelbetrieb) würde ab unter 50 greifen. Theater, Kulturhallen und Kinos dürften in Stufe 1 bis 250 Personen unter Hygieneregeln einlassen.

In Stufe 6 wären private Besuche verboten mit eventuellen Ausnahmen für Single-Haushalte, Sportanlagen und Schwimmbäder blieben geschlossen. Gottesdienste wären nur digital erlaubt und Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen nur mit einem Haushalt bis maximal zehn Personen möglich.

(Thomas Kopietz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.