Projekt erforscht NS-Geschichte

Weltkulturerbe Rammelsberg: Wie lebten damals die Zwangsarbeiter?

Blick auf das Unesco-Weltkulturerbe Besucherbergwerk Rammelsberg: Jetzt wird die Zwangsarbeit am Erzbergwerk während der der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich genauer untersucht.
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Blick auf das Unesco-Weltkulturerbe Besucherbergwerk Rammelsberg: Jetzt wird die Zwangsarbeit am Erzbergwerk während der der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich genauer untersucht.

Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollen Wissenschaftler jetzt mehr Licht in ein immer noch wenig erforschtes Kapitel in der Geschichte des Erzbergwerks Rammelsberg im Harz bringen. Ab 1939 wurden in dem Erzbergwerk Hunderte von Zwangsarbeitern eingesetzt.

Goslar – Obwohl es auf dem Gelände noch authentische Orte gibt, finden Besucher des heutigen Unesco-Weltkulturerbes – abgesehen von einer Präsentation in der Dauerausstellung – keine Informationen darüber, wo und wie die Zwangsarbeiter leben, wohnen und arbeiten mussten.

Jetzt wollen sich Historiker und Archäologen diesem vernachlässigten Thema nähern: Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Räume der Unterdrückung“ soll beleuchten, welche Mittel und Mechanismen die Bergwerksleitung anwandte, um die Zwangsarbeiter zu drangsalieren und ihre Arbeitskraft für die NS-Wirtschaft nutzbar zu machen.

Die Wissenschaftler fangen allerdings nicht bei Null an. Eine als „Oral History“-Projekt konzipierte Studie aus den 1990er-Jahren hat das Thema Zwangsarbeit im Erzbergwerk Rammelsberg anhand von Interviews mit einstigen Zwangsarbeitern aus der Ukraine beleuchtet.

Zwangsarbeiter: Forscher wollen verschollene Spuren sichtbar machen

Bei dem neuen Projekt bedienen sich die Forscher anderer Methoden und anderer Quellen. So wollen sie mit archäologischen Mitteln zwei Orte untersuchen, in denen während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter untergebracht waren. Die Baracken des einstigen Ostarbeiterlagers befanden sich unterhalb des Herzberger Teiches.

Das sogenannte Frauenlager war in einem Gebäude eingerichtet, in dem auch die Transformatorenstation untergebracht war. Derzeit weist an diesen Orten nichts darauf hin, dass dort vor rund 80 Jahren Menschen leben mussten. „Wir wollen verschollene Spuren sichtbar machen“, sagte der Leiter der Abteilung Archäologie beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, Henning Haßmann, bei der Vorstellung des Forschungsprojekts.

Parallel zu diesen archäologischen Studien wollen Historiker die Verwaltungs- und Bauakten der Preussag, der ehemaligen Betreiberin des Bergwerks, durchforsten. Aus den schriftlichen Quellen könne man Erkenntnisse darüber gewinnen, wie die Zwangsarbeiter durch Verordnungen in ihren räumlichen Möglichkeiten eingeschränkt, drangsaliert und tyrannisiert wurden, sagte der stellvertretende Leiter des Bergbaumuseums Rammelsberg, Johannes Großewinkelmann.

Das Lager als Machtinstrument der NS-Herrschaft

Die Forscher wollen dabei unter anderem untersuchen, wie die damaligen Leiter des Erzbergwerks die Bürokratie als Unterdrückungs- und Machtinstrument im Sinne der NS-Herrschaft nutzten, indem sie jede Menge Verfügungen zur Unterbringung und Ausstattung der Zwangsarbeiter erließen.

Von wesentlicher Bedeutung war die Enge der Räume, in denen die Zwangsarbeiter leben mussten. „Je kleiner ein Raum ist, desto eher entstehen Konflikte“, erläuterte Großewinkelmann. Die Verantwortlichen hätten auch versucht, einzelne Zwangsarbeiter und Gruppen gegeneinander auszuspielen, indem sie beispielsweise jene, die besonders gut gearbeitet hätten, in sogenannten „Urlaubsräumen“ untergebracht hätten.

Das Forscherteam zeigt ein Modell des Ostarbeiterlagers am Erzbergwerk Rammelsberg.

Welche Kontakte durften die Zwangsarbeiter zu Deutschen haben?

Außerdem wollen die Forscher untersuchen, ob und welche Kontakte die Zwangsarbeiter zu Deutschen haben durften, ob sie alle gleich behandelt wurden oder ob es Unterschiede gab zwischen den einzelnen Nationalitäten. Die Zwangsarbeiter stammten aus 16 ost- und westeuropäischen Staaten, sagte der Historiker Bernd Wehrenpfennig.

Den höchsten Stand gab es 1944, damals waren 330 Zwangsarbeiter am Rammelsberg tätig, darunter 20 Frauen. Die Zwangsarbeiter stellten damit 40 Prozent der Belegschaft, erläuterte Johannes Großewinkelmann. Viele von ihnen waren noch sehr jung, 70 der damals 330 Zwangsarbeiterwaren zwischen 17 und 25 Jahren alt.

Weitere Hinweise auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen erhoffen sich die Forscher von den archäologischen Erkundungen, die an dem einstigen Ostarbeiterlager und dem Frauenlager stattfinden sollen. Alltagsgegenstände können viel über die Lebensbedingungen und die Behandlung der Zwangsarbeiter aussagen, auch ein so unspektakuläres Objekt wie etwa ein Löffel: Anfangs durften die Zwangsarbeiter noch Geschirr aus der Kantine benutzen. Später verfügte die Betriebsleitung, dass sie, ähnlich wie Tiere, aus Blechnäpfen essen mussten.

Die Forscher wollen zunächst Baupläne und Luftbilder auswerten und mithilfe von digitalen und geomagnetischen Erkundungen untersuchen, an welchen Stellen des stark bewachsenen Geländes noch Gebäudereste, Gräben und andere Relikte des einstigen Lagers zu finden sind. Im kommenden Frühjahr werde man dann die ersten Testschnitte vornehmen und anschließend Schicht für Schicht freilegen, sagte der Archäologe Georg Drechsler. (Heidi Niemann)

Hintergrund: Bergwerk Rammelsberg war mehr als 1000 Jahre in Betrieb

Im Bergwerk Rammelsberg, das seit 1988 stillgelegt ist, wurde vor allem Kupfererz gewonnen. Es liegt südlich der Kernstadt von Goslar. Dort können Besucher die Geschichte des Bergbaus erleben. Die Stadt in der Harzregion ist gut über die Autobahn 7 (Abfahrt Rhüden) erreichbar.

Als einziges Bergwerk der Welt war es nahezu ununterbrochen mehr als 1000 Jahre in Betrieb. Seit 1992 gehört das Besucherbergwerk Rammelsberg zum Unesco-Weltkulturerbe. Im Jahr 2010 wurde die Welterbestätte um die Oberharzer Wasserwirtschaft erweitert, die einst die Wasserkraft für die Bergleute nutzbar machte und als eines der größten vorindustriellen Energieversorgungssysteme gilt.

Mit seinem Reichtum von fast 30 Millionen Tonnen Erz hat der Rammelsberg die Stadt Goslar geprägt. Aufgrund des dortigen Reichtums gründete Kaiser Heinrich II. Anfang des elften Jahrhunderts die Pfalz. Goslar war Residenzstadt deutscher Könige und Kaiser bis 1253. (brk) Weitere Infos gibt es hier.

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