Weltnichtrauchertag: Ein fast rauchfreies Göttinger Klinikum

Welt-Nichtrauchertag in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Von links Ilona Carl (Suchtbeauftragte Uni/UMG) Anna Ludwig, Prof. Dr. Tobias Raupach (beide Raucherentwöhnungsambulanz der UMG), Angela Leinhos (Arbeitsgemeinschaft Nichtraucherschutz UMG) , David Hunt (Personalrat-Mitglied), Dr. Kai Stamer (Betriebsärztlicher Dienst). Foto: Kopietz

öttingen. Die Klinikum-Osthalle zur rauchfreien Zone zu machen, das war 2003 der erste Erfolg des Programms Nichtraucherschutz in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Zwölf Jahre später ist das Projekt fortschritten, mehr noch, das Klinikum ist auch mit seiner Raucherentwöhnungsambulanz bundesweit einer der Vorreiter.

Rückblick: Damals, 2003, war es kaum zu glauben, dass die Osthalle, „die“ Raucherzone im Klinikum, einmal ohne blaue Dunstwolken sein könnte, wie Klinikum-Sprecher Stefan Weller sagt. „Es ist uns auch über viele Gespräche gelungen“, erinnert sich Angela Leinhos. Sie ist die Koordinatorin der Arbeitsgemeinschaft Nichtraucherschutz an der UMG und hat die positive Entwicklung begleitet.

„Wir wollten aber nicht mit Druck agieren“, sagt Leinhos. Vielmehr warben die AG-Mitstreiter aus Suchtberatung, Personalrat, Betriebsärzten, Raucherentwöhnungsambulanz und Vorstand bei den mehr als 7000 Mitarbeitern um Verständnis für die drastischen Vorhaben: Rauchverbot in Klinikräumen, Zigarettenautomaten-Abbau, kein Tabak-Verkauf am Kiosk, ein rauchfreies Klinikum, also das Aus für Raucherzimmer, das Rauchen auf Balkonen, Toiletten und in Eingängen.

„Geholfen hat uns ein rechtlicher Rahmen, der das Rauchen in öffentlichen Räumen verbietet“, schildert Vorstand Dr. Sebastian Freytag, der den Nichtraucherschutz als Chefsache ansieht und in engem Austausch mit der AG und Angela Leinhos steht.

Verdammt werden sollen die Raucher aber auf keinen Fall. „Wir haben ja auch Rauchzonen wie auf der Nordterrasse eingerichtet“, sagt Freytag, der um die Emotionalität des Themas Raucher und Nichtraucher weiß.

Ohne Sanktionen geht es aber auch im Klinikum nicht, denn nicht immer sind die Raucher einsichtig. Zudem besuchen täglich tausende Gäste und Patienten das Klinikum, die mit den Infos nicht erreicht werden. Also werden Verstöße geahndet: Der Sicherheitsdienst kann das Rauchen untersagen, Personalien können aufgenommen und gemeldet werden.

Den Anstoß, im Nichtraucherschutz voranzugehen, gab den Verantwortlichen auch das Selbstverständnis, wie Freytag betont: „Als Uni-Klinikum haben wir eine große Verantwortung für den Schutz der Gesundheit unserer Patienten und der Mitarbeiter.“

Vorbilder

Und: „Es passt nicht zu einem Krankenhaus, wenn überall geraucht wird. „Ärzte und Pfleger sind Vorbilder.“ So ist der Nichtraucherschutz und die Beratung Bestandteil der Ausbildung. Schüler der Gesundheitsberufe und nun auch Studierende werden geschult. Letztere legen sogar eine Prüfung in Suchtberatungsgesprächen ab.

„Nichtraucherschutz und -beratung zu lehren, das ist sehr wichtig. Diesbezüglich zählt die UMG zu den wenigen deutschen Uni-Kliniken, die das Thema in die Lehre integriert, sagt Prof. Dr. Tobias Raupach. Der Mediziner leitet die Raucherentwöhnungsambulanz am UMG-Herzzentrum. Raupach weiß, wovon er spricht: Als Oberarzt im Nachtdienst hat er noch am Dienstag vier Herzinfarkt-Notfälle versorgt – alle vier waren Raucher. „Rauchen belastet die Gesundheit, das ist erwiesen.“

Interview: Der Weg zum Nichtraucher

Zwölf Jahre Nichtraucherschutz in der UMG. Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Tobias Raupach. Der Kardiologe ist Oberarzt und zudem Leiter der Raucherentwöhnungsambulanz.

Herr Raupach, warum wird der Nichtraucherschutz im Klinikum so intensiv betrieben?

Prof. Dr. Raupach: WWeil in einer Klinik die Gesundheit der Menschen an erster Stelle steht, und Rauchen ist die häufigste vermeidbare Todesursache. Ärzte und Pflegekräfte haben natürlich eine Vorbildfunktion. Wenn das Klinikum insgesamt eine „rauchfreie Zone“ ist, dann schützen wir damit nicht nur die Nichtraucher, sondern auch die Raucher. Je weniger Schadstoffe in der Luft sind, desto besser ist es für alle.

Warum bedarf es einer Raucherentwöhnungsambulanz

Raupach: Wir bieten die Methoden an, die sich in wissenschaftlichen Studien als hilfreich erwiesen haben.

Wie beteiligen sich UMG-Mitarbeiter an den im eigenen Haus für alle angebotenen Raucherentwöhnungskurse?

Raupach: Sehr gut. Anfangs waren wir und die Angebote der Ambulanz noch nicht so bekannt, jetzt boomt die Nachfrage. Es hat sich herumgesprochen. Und mich begrüßen Mitarbeiter auch schon mal mit „Guten Tag, Herr Nichtraucher-Papst“. Das ist natürlich positiv. Konkret machen etwa 20 bis 40 starke Raucher aus der UMG pro Jahr bei den Kursen mit.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Raupach: Ziel ist die Entwöhnung, also das Aufhören. 80 Prozent der Teilnehmer sind am Kursende rauchfrei. 40 Prozent sind es noch nach sechs Monaten. Die Rückfallquote sinkt danach wieder. Wichtig ist, dass das Umfeld, die Familie, Freunde mitspielen. Normalerweise bleiben Raucher, die alleine, ohne unser Programm aufhören, nach einem Jahr nur zu zwei bis fünf Prozent Nichtraucher. Unsere Teilnehmer haben also erheblich höhere Chancen mit dem Rauchen aufzuhören.

Wo steht Deutschland eigentlich in der Raucher-Tabelle?

Raupach: Fast ganz unten in Europa. Zuletzt auf dem vorletzten Platz. 30 Prozent der 18 bis 65-Jährigen rauchen, darunter sind deutlich mehr Männer. Andere Länder wie Groß-Britannien oder Irland liegen weitaus besser, weil es viel länger, viel restriktivere Gesetze gibt, einen besseren Nichtraucherschutz.

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