Zwieback fürs Weender Tor

Unibibliothek erweitert ihre einzigartige Lichtenberg-Sammlung

Kenner von Lichtenbergs Briefen: Dr. Silke Glitsch und Dr. Helmut Rohlfing, Leiter der SUB-Abteilung Spezialsammlungen und Bestandserhaltung, schauen sich die 27 Briefe von Lichtenberg an, die die Universität kürzlich für 100 000 Euro erworben hat. Foto:  Pflüger-Scherb

Göttingen. Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) war einer der berühmtesten Naturwissenschaftler des 18. Jahrhunderts. Dass er auch humorvoll und gesellig war, wird an 27 Briefen des Naturwissenschaftlers deutlich, die die Staats- und Universitätsbibliothek kürzlich erworben hat.

„Diese großartige Sammlung von Briefen ist eine der wichtigsten Ergänzungen der historischen Bestände unserer Bibliothek seit den 1980er-Jahren. Leider können wir im Gegensatz zu anderen großen Bibliotheken aus finanziellen Gründen solch wertvolle Erwerbungen nur in großen Abständen tätigen“, sagt Dr. Helmut Rohlfing, Leiter der SUB-Abteilung Spezialsammlungen und Bestandserhaltung. 100 000 Euro habe die Universität an eine Erbengemeinschaft für die Briefe gezahlt. Die SUB verwahrt bereits 1350 Briefe von und an Lichtenberg sowie Aufzeichnungen zu naturwissenschaftlichen Themen auf.

Lichtenberg lebte nur wenige Meter von der Bibliothek an der

Brief von Georg Christoph Lichtenberg, den er am 9. Januar 1785 an Johann Friedrich Blumenbach gerichtet hat. Darin geht es um ein fehlerhaft beschriftetes Barometer. Foto:  SUB

Prinzenstraße entfernt. In einem Haus an der Ecke Gotmarstraße (heute ist dort das Künstlerhaus) hatte er eine Wohnung. In dem prächtigen Haus nebenan (heute Commerzbank) lebten zeitweise die englischen Prinzen, die in Göttingen studierten und von Lichtenberg betreut wurden. Daher kommt auch der Name Prinzenstraße.

Lichtenberg korrespondierte nicht nur mit allen Berühmtheiten der Naturwissenschaften in Europa, sondern stand zum Beispiel auch in Briefkontakt mit dem Weltumsegler James Cook und Goethe. Neben internationaler Korrespondenz gehören zu der hiesigen Sammlung auch Briefe, die Lichtenberg innerhalb Göttingens verschickte. Dabei handelt es zum Beispiel um eine Frühstückseinladung an Albrecht Ludwig Meister, Professor für Mathematik und Architektur. „Diese Briefe sind heutzutage mit einem kurzen Anruf oder einer SMS vergleichbar“, sagt Dr. Silke Glitsch, Leiterin der SUB-Öffentlichkeitsarbeit.

In den Briefen an Meister ließ er sich aber auch über lokale Themen in seiner charakteristisch spöttischen Weise aus, sagt Rohlfing. Im

Georg Christoph Lichtenberg. Foto:  SUB

Frühjahr 1779 schlug Lichtenberg anlässlich des Neubaus eines breiteren Weender Tores eine Neugestaltung vor, die als Ornamente für die freien Felder im Torgiebel „Mettwürste, (...) Zwiebacke in pythagorischen Triangeln nebst Pottkuchen“ vorsah.

Die 27 neu angekauften Briefe, die der Darmstädter Antiquar Ludwig Saeng (1877 bis 1967) zusammengetragen hat, sind alle mit einem roten Siegel versehen worden. In der SUB werden sie in säurefreien Mappen aufbewahrt.

Woher stammen die Flecken in den Briefen? „Man weiß nicht, was er beim Schreiben zu Mittag gegessen hat“, sagt Rohlfing. Vielleicht Auerhahnpastete? Eine Einladung zu dieser Spezialität hat der Wissenschaftler in einem Brief zumindest ausgesprochen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Hintergrund: Der Begründer der Experimentalphysik

Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) war Schriftsteller, Mathematiker und Physiker. Er gilt als Begründer der Experimentalphysik in Deutschland. In Göttingen studierte er ab 1763 Mathematik, Physik, Baukunst, Ästhetik, englische Sprache und Literatur, Staatengeschichte Europas, Diplomatie und Philosophie. Im Jahr 1770 wurde er zum Professor für Mathematik und Experimentalphysik in Göttingen ernannt. Zu seinen berühmtesten Schülern zählte Alexander von Humboldt. Bekannt ist der Mann mit dem Buckel, für den es in Göttingen zwei Denkmäler gibt, auch für scharfzüngige, zeitlose Aphorismen wie diesen: „Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller.“ (yat/fsz)

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