Abriss drohte einem der ältesten Gebäude in Wiershausen

Rettung für Fachwerkhaus in letzter Sekunde

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Jessica und Sven Riddell haben das Haus auf dem Kniepe 2 in Wiershausen gekauft und arbeiten daran.

Hann. Münden/Wiershausen - Es war schon „eine Sekunde vor Zwölf“, sagt Denkmalpfleger Burkhard Klapp: Das Haus Auf dem Kniepe 2 in Wiershausen war so lange dem Verfall preisgegeben, dass ein Abriss kurz bevorstand. Da greife man manchmal zu verzweifelten Maßnahmen, so Klapp, in diesem Fall zum Telefonhörer.

Er habe systematisch alle Zimmerei-Betriebe angerufen, auf die schwache Hoffnung hin, dass sich irgendjemand für den Gebäudekomplex interessieren könnte. Denn eines war klar: Wer auch immer das Haus kauft, müsste jemand vom Fach sein und in der Lage, es am besten eigenhändig wieder in Schuss bringen zu können. „Wissen Sie jemanden, der das Haus kaufen und sanieren würde“?, lautete Klapps Frage. Und dann der Glückstreffer: „Ja, ich“, sagte da einer. Das war Sven Riddell, Zimmermann von Beruf und eingeborener Wiershäuser. 

Klapp strahlt, wenn er die Geschichte erzählt. So kann man einen Denkmalpfleger sehr glücklich machen. Es sei einfach ein tolles Gefühl, wenn all die Mühe am Ende belohnt und ein Denkmal gerettet wird – anstatt dass man irgendwann „auf einen Haufen von Holz und Lehm blicken muss“, sagt er. Riddell hatte vor zehn Jahren schon einmal ein Auge auf den Gebäudekomplex geworfen, erzählt er, doch damals kam der Verkauf nicht unter Dach und Fach. Sein Interesse habe zunächst der Scheune und den Nebengebäuden gegolten, da er Lager- und Abstellraum suchte. 

Noch ist das Anwesen eine große Baustelle. Drinnen sieht Fachmann Riddell, wo überall Reparaturen aus der Vergangenheit langfristig eher schadeten als nützten und weiß, wie man diese Bausünden auch wieder heilen kann. Die seit Jahren provisorisch abgestützte Giebelwand zum Nachbarn hin wurde bereits herausgenommen, neue Balken stehen. Dass die Wand sich verbogen hatte, aber dennoch nicht einstürzte, lag an der besonderen Konstruktion des Hauses, die die Schieflage einigermaßen auffing. Dennoch: Hier war Gefahr im Verzug, skizziert es Klapp, nicht zuletzt, weil auch die Abstützkonstruktion inzwischen ihre Lebensdauer überschritten hatte. 

Rettung für das Haus war schon einmal in Sicht, als vor sechseinhalb Jahren neue Besitzer begannen, sich darum zu kümmern. Diese zogen sich aber nach einiger Zeit wieder zurück. Der Folgebesitzer sei ein Verein gewesen, der zuletzt aber nur noch aus dem Vorsitzenden bestanden habe, skizziert es Klapp. Passiert ist am Haus nichts. Es war stets in Privatbesitz, aber die Denkmalpflege der Stadt war einbezogen, um das Denkmal zu retten. Klapp und sein Kollege Detlef Rauchhaus ließen nichts unversucht, zu vermitteln und Lösungswege zu finden.

Die Denkmalbehörde der Stadt gab im vorigen Jahr ein Gutachten in Auftrag, das Standsicherheit und Sanierungsumfang analysierte und schätzte, wie hoch die Sanierungskosten werden können. Die Gutachter kamen, einschließlich einem Puffer für nicht direkt erkennbare Schäden, auf gut 100 000 Euro für das Wohnhaus für die statisch-konstruktive Instandsetzung. Die kaputte südliche Giebelwand machte dabei einen großen Posten aus. Ein Abbruch des Hauses hätte, einschließlich der Entsorgung, rund 60 000 Euro gekostet, sagt Klapp. Und es wäre ein von der Denkmalpflege als Ortsbild prägend eingestuftes Haus verschwunden. 

Geflügelte Wesen mit Gesichtern, die an traditionelle "Neidköpfe" erinnern, sind über der Haustür in den Balken geschnitzt. 

Außergewöhnliche Ornamente

Das Haus Auf dem Kniepe 2 wird auf das ausgehende 17. Jahrhundert datiert, Denkmalpfleger Burkhard Klapp ordnet es dem Barock zu. Es sei damit eines der ältesten Häuser in Wiershausen. 

Das Haus sei nicht als Bauernhaus gebaut worden, sondern es wurde nach und nach an- und umgebaut. Dass innen die Treppe in Obergeschoss diagonal über das kunstvoll gestaltete Oberlicht der Eingangstür verläuft, deutet darauf hin, das auch im Haus die ursprüngliche Aufteilung verändert wurde. 

Die Treppe im Haus verläuft diagonal über das mit bunten Glas gestaltete Obelicht der vorderen Haustür. 

Das Gebäude ist als ein Kulturdenkmal mit geschichtlicher Bedeutung für den Ort deklariert. Dazu kommt eine künstlerische Bedeutung: Außergewöhnlich seien die Verzierungen an der Frontseite, Fische und Wasservögel sind dort sehr lebensnah dargestellt. Über Haustür befinden sich zwei geflügelte Wesen, deren Gesichter stark an die damals üblichen Neidköpfe erinnern, die Neid und Missgunst von Haus und Bewohnern fernhalten sollen. Diese bemalten Schnitzereien sind sehr gut erhalten. Fast über die ganze Vorderseite läuft eine Balkeninschrift, die in etwa lautet: „Sehr harte geht es manchmal zu, Wohnung hier zu erlangen. Dort werd ich sie ohn all Beschwer gar ruhiglich empfangen. Hier muss man endlich doch heraus, man kann nicht immer bleiben. Dort aber in des Vaters Reich wird niemand mich vertreiben". 

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