Spiekershäuser erinnern sich an Zeit vor 70 Jahren

Die Bilder des Krieges auch heute noch im Kopf

Zerstörungen in Spiekershausen: Zahlreiche Häuser wurden am 3. Oktober von Bomben getroffen und zerstört. Der Angriff galt eigentlich Kassel auf der gegenüberliegenden Fuldaseite, aber viele Bomben fielen auch auf Spiekershausen. Foto: Sammlung Holtwiesche/nh

Spiekershausen. Heute vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg, aber noch immer sind die Bilder des Krieges in den Köpfen vieler Menschen - auch in dem Fuldadorf Spiekershausen.

Das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges ruft auch bei Rolf Grimm (78) alte Erinnerungen wieder wach, vor allem, wenn er sich mit Mitschülern aus seiner Volksschulzeit in Spiekershausen trifft.

Es ist der Oktober 1943, der dann wieder besonders präsent ist. Zwei Mal wird das kleine Dorf an der Fulda von britischen Bombern bombardiert, deren eigentliches Zielgebiet Kassel war: in den Abendstunden des 3. Oktober 1943, dabei werden über die Hälfte der Häuser zerstört, und am Abend des 22. Oktober.

Geschniegelt und gestriegelt: Für das Einschulungsfoto vor der Schule hatten die Eltern ihre Kinder 1943 fein herausgeputzt, und alle hatten einen Blumenstrauß im Arm. Unser Bild zeigt (oben von links) Willi Freye, Rolf Grimm, Hans-Dieter Wechsung, Werner Freudenstein aus Kassel, (Mitte von links) Hertha Will, Marlene Gundlach, Helma Böttcher, Helga Opitz sowie (vorn von links) Rudolf Grimm und Horst Böttcher. Foto: Rolf Grimm/nh

An diesem Tag wird auch der Platz von einer Sprengbombe getroffen, an dem der damals sechsjährige Rolf Grimm und andere Schüler bei Bombenalarm oft Zuflucht gesucht hatten: ein viereckig gemauerter Tunnel neben der Schule, durch den der Bärensiegenbach floss. Heute ist er an der Stelle verrohrt.

Rolf Grimm: „Bei Fliegeralarm rannten diejenigen Schüler, die neben dem Schulgebäude im Dorf wohnten, in den nahen Bunker hinter dem Krieger-Ehrenmal. Die Schüler, die im Bereich der Mühle oder in Kragenhof wohnten, rannten meistens zum Bunker an der Mühle. Weil für sie der Weg von der Schule mit fast ein (Mühle) beziehungsweise zwei Kilometer (Kragenhof) recht weit war, versteckten sie sich kriechend mehrfach in dem Durchlass.“

Karl Brümmer, Lehrer in Spiekershausen und strammer Nazi, übte mit den Schülern immer wieder den Weg zum Tunnel ein. Erst als die Frauen des Ortes protestierten, weil der Bachtunnel ihnen zu gefährlich erschien, war Schluss damit.

Sie forderten, so Grimm, unmissverständlich, dass der Bachdurchlass nicht mehr genommen würde, weil er zu unsicher sei. Die Kinder sollten bei Voralarm nach Hause geschickt werden. „Dieser Mut der Mütter war bei dem Lehrer, einem der Nationalsozialisten im Dorf, sehr gefährlich, wirkte aber.“

Rolf Grimm

Für Dieter Winneknecht (80) war der 3. Oktober, ein Sonntag, der „dramatischste Tag“ des Krieges für Spiekershausen. Das Fuldadorf feierte Erntedank und am Abend ab 21 Uhr sollte es im Fuldagarten Musik und Tanz geben. Es war ein milder, warmer Tag. Gegen 20.45 Uhr gab es dann Sirengeheul. Fliegeralarm. Dieter Winneknecht, damals neun Jahre alt, flüchtete sich mit seinen Eltern - sein Vater Georg (42) war damals auf Fronturlaub zu Hause - in den Keller ihres Hause in der heutigen Fuldaaue. Und dann fielen auch schon die Bomben. Dieter Winneknecht erinnert sich, dass sein Vater noch während des Angriffs den Keller verließ. „Ich habe das Dach sauber gemacht“, sagte er später.

Dieter Winneknecht

Sein Vater war auf den Dachboden gestiegen und hatte Brandbomben, die das Ziegeldach durchschlagen, aber deren Zeitzünder noch nicht ausgelöst hatten, in den Garten geworfen. Das Haus blieb verschont, Spiekershausen aber war schwer getroffen, viele Häuser gingen in Flammen auf.

Die Gefahr, in der sich alle befunden hatten, sei ihm als Kind erst richtig bewusst geworden, sagte Dieter Winneknecht, als er sah wie das Dorf in Flammen stand. „Die Bilder des brennenden Spiekershausen bekomme ich bis heute nicht aus dem Kopf.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.