Pilotprojekt geht an Energieversorger

Bioenergie-Dorf Jühnde an EAM verkauft 

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Das Pilotprojekt Bioenergiedorf Jühnde hatte nicht nur bundesweit, sondern auch darüber hinaus für Interesse gesorgt.

Die Tage des genossenschaftlich geführten und bundesweit ersten Pilotprojektes „Bioenergiedorf Jühnde“ sind gezählt, wenngleich nur die Eigentümerschaft und der Betrieb wechseln.

Bereits zum 1. Oktober wird die EAM EnergiePlus GmbH (Kassel) die Geschäfte führen sowie die Anlagen und auch die Wärmelieferung für die angeschlossenen Jühnder Haushalte übernehmen.

Gestern wurde in Kassel der Verkauf besiegelt. Die EAM EnergiePlus war bereits 2016 bei dem ebenfalls in Schieflage geratenen benachbarten Bioenergiedorf Barlissen eingestiegen und hat die Anlage gepachtet, dort auch unter anderem in ein neues Blockheizkraftwerk investiert.

Die Entscheidung über Jühnde am Mittwochabend fiel mit einer Stimme Mehrheit für den Verkauf denkbar knapp aus - und auch das erst im zweiten Anlauf.

Erst die dritte Abstimmung führte zu einem Ergebnis

Beobachter bezeichneten den Verlauf der Versammlung als sachlich und ruhig, wenn auch durch die insgesamt drei geheimen Abstimmungen mit Auszählungen als langwierig.

Vorstand und Aufsichtsrat hatten in ihren Eingangsstellungnahmen zunächst keine Empfehlung für Verkauf oder Weiterbetrieb ausgesprochen. Mit 60 Prozent Zustimmung für einen Verkauf kam die dafür erforderliche Dreiviertelmehrheit zunächst allerdings nicht zustande.

Diese notwendige Mehrheit wurde aber auch bei der anschließenden Abstimmung über eine Satzungsänderung – die Voraussetzung für einen Weiterbetrieb in Eigenregie durch die Genossenschaft – nicht erreicht: In der sollte unter anderem eine Eigenkapitalerhöhung von 4000 Euro pro Wärmekunde fixiert werden.

Weil weder ein Verkauf noch ein Weiterbetrieb zustande kam und dieses Ergebnis für das Pilotprojekt ein Aus auf Raten bedeutet hätte, legte der Aufsichtsratsvorsitzende Oliver Brenneken vor der finalen, dritten Abstimmung den Genossen den Verkauf nahe. Dieser ist dann auch knapp mit einer Stimme Mehrheit zustande gekommen.

Der Kaufvertrag wurde am Donnerstag unterzeichnet

Der Kaufvertrag über die Bioenergieanlagen sowie das Nahwärmenetz in Jühnde wurde gestern in Kassel von den Bioenergiedorf-Vorstandsmitgliedern Eckhard Fangmeier und Matthias Weiß sowie Siegmund Laufer und Thomas Wetzel als Geschäftsführer und Leiter Betrieb für die EAM Energie Plus GmbH in der EAM-Zentrale unterschrieben. 

„Mit der EAM haben wir einen verlässlichen Partner gefunden, der selbst über langjährige Erfahrungen und große Kompetenz im Bereich der Bioenergie verfügt“, erklärte Eckhard Fangmeier. „Dadurch kann der Betrieb des bundesweiten Vorzeigeprojekts weiterhin gewährleistet werden.“ 

Auch Siegmund Laufer blickte optimistisch in die Zukunft: „Unser wichtigstes Ziel ist es, die Wärmeversorgung in Jühnde zukunftssicher zu machen und langfristig mit einem überarbeiteten Konzept sicherzustellen. Dass wir das können, haben wir bereits im benachbarten Barlissen gezeigt, wo wir vor drei Jahren den Betrieb der Biogasanlage übernommen haben.“ 

Bürgermeister Eilers ist erleichtert über Entscheidung

Zu den Detailfragen - etwa, ob es auch künftig Führungen über die Bioenergieanlage geben wird, die vom Förderverein Bioenergiedorf Jühnde organisiert werden, sowie ob das Personal für Anlagenleitung und Sekretariat weiter beschäftigt werden - konnte die EAM gestern angesichts der aktuellen Ereignisse noch nichts sagen. 

Dransfelds Samtgemeindebürgermeister Matthias Eilers zeigte sich gestern erleichtert, dass endlich eine Entscheidung zur Zukunft des Bioenergiedorfes getroffen wurde und damit auch eine Perspektive erkennbar ist. 

Die Gemeinde Jühnde, deren Direktor Eilers ebenfalls ist, bürgt für 1,67 Millionen der noch ausstehenden drei Millionen Euro Restschulden der Genossenschaft: „Aus Sicht der Gemeinde ist das eine gute Entscheidung, weil sich durch den Verkauf unser finanzielles Risiko aufgelöst hat. Und es ist auch ein gutes Ergebnis für die Anteilseigner“, denn das Verkaufsergebnis sei „außerordentlich gut“, so Eilers. 

Bedingungen für kleine Biogasanlagen hätten sich verschlechtert

Einziger Wermutstropfen sei, dass die Gemeinde bei der anstehenden Auflösung der Genossenschaft wohl nur die Hälfte des Kapitals der eingebrachten Anteile wiedersehen werde. 

Mit dem besiegelten Verkauf gehe auch eine Ära zu Ende, die inklusive der Planungsphase fast 20 Jahre dauerte und die von einem hohen ehrenamtlichen Engagement gekennzeichnet war, so Eilers. 

Er äußert Verständnis für die Schieflage, weil sich die Rahmenbedingungen für so kleine Biogasanlagen wie Jühnde verschlechtert hätten. Beim beschlossenen Verkauf breche jetzt zwar die „Genossenschaft“ weg – es werde aber weiterhin regenerative Energie vor Ort erzeugt und die heimische Landwirtschaft gestärkt. 

Wie berichtet, war das Projekt in finanzielle Schieflage geraten nach Rechtsstreitigkeiten, ausgebliebener Bonuszahlungen sowie einer zu dünnen Eigenkapitaldecke, zumal Investitionen in ein Gärrestlager anstehen.

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