Erinnerungen an den 22. Oktober 1943

Als sich der Himmel rot färbte: Wie Mündener die Bombardierung Kassels erlebten

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Emma Kohlhagen, geborene Marker, im Dezember 1941 mit Kater „Mohrchen“: Die aus Münden stammende Straßenbahnschaffnerin war mit dem Juden Walter Kohlhagen verheiratet, der am 9. Dezember 1941 von Kassel aus in das Ghetto Riga verschleppt wurde und dort starb. Der Keller des schwer getroffenen Mehrfamilienhauses wurde zu ihrer und anderer Todesfalle.

Die einen hatte es selbst nach Kassel verschlagen, die anderen beobachteten von Münden aus, wieder andere wurden zum helfen in die Nachbarstadt gerufen: Mündener und die Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943.

Ein spätsommerlich anmutender Freitagabend neigt sich am 22. Oktober 1943 dem Ende zu. Fast friedvoll, wäre da nicht die strikte Anweisung, ab 18.14 Uhr alles zu verdunkeln. „Der Feind sieht Dein Licht!“ mahnten Plakate. 569 viermotorige englische Bomber waren schon in der Luft, um in weniger als 30 Minuten ab 20.44 Uhr das alte Zentrum Kassels für immer auszulöschen. Als Rüstungsstandort war diese Stadt schon lange als Ziel für das „moral bombing“ ausgewählt worden.

Was der Bombenkrieg anrichten konnte, das war vor allem aus den Schilderungen der Überlebenden zu erfahren und diese Geschichten gab es bestenfalls nur „unter der Hand“. In den frühen Morgenstunden des 9. Oktober 1943 versank schon Hannover in einem undurchdringlichen Trümmerfeld mit über 7000 Toten. 90 Prozent des Stadtzentrums galten als unbewohnbar, als Bombengeschädigte wurden die Überlebenden, zumeist ältere Menschen, Frauen mit Kindern, nach Münden umquartiert. Das Wohnungsamt wies diese Leute in Privatwohnungen in Münden ein. 

Man tat vieles, um diese Menschen mit dem Notwendigsten, also Essen, Kleidung, Obdach zu versorgen, vieles davon anderen geraubt. Die Propaganda schuf ein Bild des Widerstands gegen die „Terrorangriffe“, dabei ausblendend, dass der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung 1939 und 1940 zur Strategie der deutschen Luftwaffe im „Blitzkrieg“ geworden war. Am 17. Oktober 1943 sprach NS-Kreisleiter Reinschmidt in einem Dienstappell vor Mündener Luftschutzkräften von dem nun glühenden Hass der Deutschen und der für ihn absoluten Gewissheit, dass der Tag kommen werde, an dem England bereuen würde, zu diesen Taten gegriffen zu haben.

Irmgard Marker, verheiratete Schäfer, (1926-2006): im Jahre 1942, in der Uniform des Bundes Deutscher Mädel.

Am 22. Oktober 1943 hatte Karl Schäfer die Aufgabe, zur Unterstützung der Landgendarmerie in Gimte für Ordnung zu sorgen. Dazu gehörte die Bewachung der Kriegsgefangenen, aber auch die Beobachtung des Nachthimmels. Gegen 20.45 Uhr war ein unablässiges Brummen hunderter Motoren zu hören, westlich über dem Reinhardwald, von den zurückfliegenden Bomberverbänden. In diese Geräuschkulisse drangen die Abschüsse der schweren Flugabwehr-Batterien aus dem Fuldatal und ein unablässiges Grollen der Einschläge der Sprengbomben. Keine Spur von deutschen Nachjägern, dafür mehrere Abschüsse von Bombern westlich der Weser.

Die Augen starrten gebannt in den Nachthimmel, um einen etwaigen Absturz, eine Notlandung beziehungsweise Fallschirme beobachten zu können Es dauerte keine halbe Stunde, da war dieser Spuk vorbei. Unterdessen wurde der Himmel im Südwesten immer heller. Eine Kilometer hohe Rauchsäule reflektierte eine wachsende Gluthölle. Einzelne Explosionen von Blindgängern oder Zeitzünderbomben hallten durch das Tal. Am Morgen danach bedeckte „Schwarzer Schnee“ aus Asche- und Papierresten, die der Feuersturm hochriss, weiträumig die Landschaft. 

In der Kasseler Feuerhölle

Bei den Mündener Pionier-Ersatzbataillonen gingen telefonische Hilferufe ein. Sie versuchten von außen, sich erste Wege in das Kasseler Stadtzentrum zu bahnen, um mit Brechstangen, Schaufeln und bloßer Hand verschüttete Zugänge zu den Kellern freizumachen. Ihnen boten sich Bilder einer Apokalypse. Auf den notdürftig eingerichteten Verbandsplätzen, etwa in Ihringshausen, versuchten Ärzte mit aller Kraft, dem Strom der Verletzten gerecht zu werden. 

Dr. Proske wurde als leitender Arzt des Mündener Vereinskrankenhauses am Vogelsang in Münden alarmiert. Dort bot man alles auf, um Verletzte aufzunehmen. Den Kampf ums Überleben verloren fast zeitgleich am 29. Oktober 1943 die sechzehnjährigen Mündener Hermann Helwig und Franz Czernitzki, die fast auf den Tag genau am 28. und 27. März 1927 geboren wurden und in Kassel zur Lehre gingen. 

Die siebzehnjährige Irmgard Marker verabschiedete sich am Abend des 22. Oktober 1943 von ihrer Mutter Emma Kohlhagen, in der Kasseler Moltkestraße 14, um Tante und Onkel in Kirchditmold zu besuchen. Der „unstete“ Lebenswandel der Mutter und deren Eheschließung mit einem Juden, führten dazu, dass die Erziehung unter anderem Onkel und Tante wahrnahmen. 

Auf halber Strecke, Sirenenalarm. Statt zurückzugehen, rannte sie aus der Stadt heraus. Sie rannte, als die ersten Zielmarkungsbomben („Christbäume“) die Stadt in ein gespenstisches Licht tauchten. Sie erreichte den Luftschutzraum des Mehrfamilienhauses in der Straße Hasserodtstraße 11. Der Keller bebte. Der Luftschutzwart und einige Mutige gingen aus dem Keller und konnten Entstehungsbrände der Stabbrandbomben löschen und so Haus, Hab und Gut weitgehend retten. Am Folgetag war kein Durchkommen in die Stadt. 

Im Keller der Molktestraße 14 starben, bis auf eine ältere Frau, alle Bewohner durch Ersticken. Die einzige Überlebende hatte sich, der Ohnmacht nahe, durch Kellerdurchbrüche in andere Gebäude retten können. Elternlos zog Irmgard Marker zur Großmutter nach Münden. Nach dem Krieg sollte sie Karl Schäfer aus Gimte kennenlernen. Der Verfasser des Berichts ist eines von vier Kindern dieser Verbindung.

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