Lesung

Cicek Bacik aus Berlin berichtet in Hann. Münden über das Leben als Gastarbeiterkind

Er wollte einen roten Traktor kaufen: Die türkischstämmige Philologin und Politologin Dr. Cicek Bacik aus Berlin erzählte in der Kulturfabrik die Geschichte ihres Vaters, der in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kam.
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Er wollte einen roten Traktor kaufen: Die türkischstämmige Philologin und Politologin Dr. Cicek Bacik aus Berlin erzählte in der Kulturfabrik die Geschichte ihres Vaters, der in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kam.

Erinnerung und Aufarbeitung auf der einen Seite und ein aktueller Appell für mehr Miteinander auf der anderen Seite: An diesen beiden Handlungssträngen entwickelte sich in der Mündener „Kulturfabrik am Hagelturm“ in der Radbrunnenstraße ein lebhafter Abend, der Denkanstöße mit einem leckeren türkischen Büfett verband.

Im Mittelpunkt stand die türkischstämmige Philologin und Politologin Dr. Cicek Bacik aus Berlin. Sie hat 2015 das Autorenkollektiv „Daughters and Sons of Gastarbeiter“ mitbegründet. 

Sie arbeiten das Schicksal der Vorfahren auf

Hinter den „Töchtern und Söhnen“ verbirgt sich eine Gruppe von Menschen, die das Schicksal ihrer Eltern und Großeltern aufarbeiten, die vor allem aus dem Süden Europas seit den 1960er-Jahren nach Deutschland kamen, angeworben von einer Wirtschaft, die damals hungrig nach Millionen von Arbeitskräften war.

Zu ihnen gehörte auch der Vater von Cicek Bacik. Er kam nach Deutschland, weil er mit harter Arbeit seinen Traum von einem roten Traktor verwirklichen wollte, um damit sein Land nach der Rückkehr in die Türkei zu bewirtschaften.

Er brachte seine Frau und seine damals zwei Jahre alte Tochter mit. Von den Schwierigkeiten und Problemen, von den schönen und weniger schönen Momenten erzählt die Autorin in ihrer Geschichte über den roten Traktor. Das autobiografische Schreiben ist für die Autorin Teil ihrer Familiengeschichte und eine Aufarbeitung dieser Zeit. 

Geflüchtete: "Das sind die neuen Sündenböcke"

Dieses Bedürfnis teilt sie mit vielen anderen, die jetzt in den Nachfolgegenerationen in Deutschland heimisch geworden sind, teils mit massiven Umbrüchen in den Familien, die sich mit einer fremden Sprache und Kultur auseinandersetzen und in ihr behaupten mussten.

Dies erlebte Cicek Bacik auch in ihrer eigenen Familie, in der sie als erste eine akademische Laufbahn einschlug. Den Traktor kaufte ihr Vater, aber aus der Rückkehr in die Heimat wurde nichts, wie bei so vielen anderen, sodass er ihn wieder veräußerte.

Heute als Rentner lebt er mit seiner Frau in der Türkei und in Deutschland.

Die Autorin zieht Parallelen zur Situation der in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflüchteten Menschen. „Das sind die neuen Sündenböcke. Das ist sehr tragisch“, kritisierte sie Gruppierungen wie die AfD. 

"Wir sind alle Mündener Bürger"

Mündens Bürgermeister Harald Wegener brachte seine Haltung in einem Grußwort auf die Formel: „Wir sind alle Mündener Bürger. Es kommt auf das Miteinander an.“ Ein dickes Lob gab es von ihm für die rund 70 unbegleiteten, jugendlichen Geflüchteten, die derzeit in Hann. Münden leben. „Fast alle haben inzwischen nach dem Besuch der Berufsschule einen Ausbildungsplatz gefunden.“

Der Vorsitzende der Mündener Moscheegemeinde, Hasan Akman, sprach sich ebenfalls für ein Leben miteinander und nicht nebeneinander her aus.

Auch er sagte: „Wir sind alle Mündener Bürger.“

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