Mündener Ansichten

Das Haus Weserland in Münden wurde zur Erholung von Ruß, Staub und Hitze gebaut

Architekt Max Küster visualisierte in seinem „Sieger-Entwurf“ das „Haus Weserland“ am Hange des Kattenbühls. Putzverzierungen spielen mit Jugendstilelementen, das Fachwerk im Obergeschoss im Stil der Renaissance. Auf dem rechten Bild das Zweibettzimmer „Hamburg“ mit Jugendstil-Tapete und Bildwerken der Hansestadt. repros: Stefan Schäfer/Stadtarchiv
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Architekt Max Küster visualisierte in seinem „Sieger-Entwurf“ das „Haus Weserland“ am Hange des Kattenbühls. Putzverzierungen spielen mit Jugendstilelementen, das Fachwerk im Obergeschoss im Stil der Renaissance.

In den Jahren 2006 und 2007 wurden Fakten geschaffen. Erst fielen die Gebäude, dann die Bäume des rund 10 000 Quadratmeter großen Areals am Kattenbühl. Ein irischer Investor ließ durch seine Vertreter in Deutschland Pläne ankündigen und zog sich dann zurück. Nun kommt wieder Bewegung in die Frage, was auf diesem Grundstück entstehen soll.

Hann. Münden – Am 7. August 1903 war das „Haus Weserland“ nach nur gut einjähriger Bauzeit seiner Bestimmung übergeben worden. Allein über 400 Gäste aus ganz Deutschland waren eingeladen worden, um diesen Tag feierlich zu begehen. Sämtliche Hotels und Privatunterkünfte waren ausgebucht. Worte des Lobes wurden zahlreich gesprochen. Ein Umzug durch die Stadt mit Musik und mit Kapelle rundeten das Programm ab.

Die Idee eines Erholungs- und Genesungsheims für Heizer- und Lokomotivbeamte wurde 1899 offen formuliert. Einerseits war der Beruf des Lokomotivführers, der auch die Sicherheit der Verbeamtung mit sich brachte, attraktiv. Doch hinter dem Traumberuf standen Schichtdienst, Ruß, Staub, Hitze und Kälte, viele Unfallgefahren, deren Abwehr eine stete Strecken- und Signalbeobachtung und viele Kenntnisse der Bedienung der Dampfloks erforderte.

Man schlussfolgerte, dass nach kaum 20 Dienstjahren, die Lokomotivführer im Schnitt mit 46 bis 50 Lebensjahren frühverrentet würden. Die, die sich eine Besserung der Arbeitsverhältnisse wünschten, waren die Mitglieder des Vereins Deutscher Lokomotivführer. 1866 gegründet, ging aus ihr ab 1919 die bis heute bestehende Gewerkschaft Deutscher Lokführer GDL hervor.

Das auf einem Kongress 1899 erarbeitete Vorschlagpapier führte zu den Kernfragen der Finanzierbarkeit und der Standortwahl des Heims. Mit Klein- und Großspenden, Vermächtnissen und einer Lotterie, der gezielten Fürsprache einflussreicher Persönlichkeiten, hatte man im Sommer 1902 rund 115 779 Mark zusammen. Und auch bei der Standortfrage war man weiter. Münden landete in der Endauswahl auf Platz eins vor Detmold und Blankenburg am Harz.

Nicht nur, dass die Stadt das Grundstück kostenfrei für den Bau beisteuern wollte und sich damit eine Belebung der Gastronomie und Wirtschaft erhoffte, man betonte die einzigartig schöne Lage der Stadt an den drei Flüssen und den guten Bahnanschluss zu vielen Oberzentren des Reiches. Auch wenn eine Finanzierung des Heimes die Aufnahme einer Hypothek von rund 60 000 Mark erforderlich machen würde, war man zum ersten Spatenstich am 23. Mai 1902 bereit.

Das Zweibettzimmer „Hamburg“ mit Jugendstil-Tapete und Bildwerken der Hansestadt.

Baumeister Max Küster aus Hannover konnte für seinen Plan den Zuschlag erringen. Gesellschafts- und Speiseräume, Einzel- und Zweibettzimmer, ein Dampf- und Brausebad, eine Parkanlage mit Lauben, einer Voliere, eine Doppelkegelbahn und vor allem eine auf das Modernste eingerichtete Küche im Souterrain mit Speiseaufzügen sollten das Leben so angenehm wie möglich machen.

Eine weitere gute Idee kam den Gründervätern während der Eröffnung. Die Zimmer waren noch nicht eingerichtet und so bat man die Ortsvereine um Einrichtung je eines Zimmers. Neben den Zimmern „Berlin“, „Danzig“ und „Stettin“ wetteiferten viele Vereine, sich in der wohnlichen Ausgestaltung eines Raumes angemessen zu präsentieren. Die ersten Gäste kamen dann ab April 1904 in Münden auf ihre Kosten. Apropos Kosten: Ein Tagesaufenthalt in Vollpension kostete 3 Mark. Für die Anreise gab es per Bahn Freifahrtscheine. Ab 1913 wurden auch Fortbildungskurse für angehende Reservelokführer abgehalten.

Nach etwa einem glanzvollen Jahrzehnt, taumelte Deutschland in den Ersten Weltkrieg. Zu den bislang vorhandenen 72 Betten kamen nur Zustellbetten für den Lazarettbetrieb. Eine erste tiefe Zäsur für Deutschland aber auch für das „Haus Weserland“. (Stefan Schäfer)

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