Die Töne, die fehlen

Das Doktor-Eisenbart-Glockenspiel in Hann. Münden ist verstimmt

Seit fast 30 Jahren gibt es das Doktor-Eisenbart-Glockenspiel am Historischen Rathaus. Archiv
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Seit fast 30 Jahren gibt es das Doktor-Eisenbart-Glockenspiel am Historischen Rathaus. Archiv

Das Doktor-Eisenbart-Glockenspiel haben die meisten Hann. Mündener wohl schon ziemlich oft gehört. Doch nun gibt es ein Problem.

Hann. Münden – Blanka Halbig (31), die nahe des Historischen Rathauses wohnt und ihre einjährige Tochter Ylvie lauschten gerne den Klängen – bis Blanka Halbig bemerkt, dass beim Doktor-Eisenbart-Lied etwas anders ist. „Erst ist es ganz kurz, nur die Melodie der Strophe mehrfach aneinandergereiht. Bim Bom, Schlussakkord. Und dann beginnt es direkt von vorne, gerät zwischendurch völlig aus dem Takt, einmal klingt es, als habe jemand auf einem Klavier zwei Tasten anstelle von einer erwischt“, beschreibt Blanka Halbig die Veränderungen. Außerdem falle auf, dass das Lied zu kurz sei, denn die Figuren, die sich am Fenster des Rathauses zu dem Lied bewegen, seien noch zu sehen, obwohl das Lied schon zuende sei. „Ich mag das Glockenspiel sehr gerne. Aber die falschen Töne stören“, sagt die 31-Jährige.

Dass sie die Dissonanzen im Doktor-Eisenbart-Lied entdeckte, war wohl kein Zufall: Blanka Halbig ist Musikwissenschaftlerin und schrieb ihre Magisterarbeit über Volkslieder. „Solche Lieder haben einen bestimmten Aufbau, damit man ihre Gattung erkennt.“ Ähnlich, wie bei heutigen Liedern, erklärt sie, bei denen meistens auf eine Strophe der Refrain folge und sich das wiederhole. Kleine Abweichungen könne es dabei zwar schon ab und zu geben – auch bei Volksliedern. Aber generell werde das Schema beibehalten.

Seit September nehme sie die Veränderungen des Spott-Liedes war. Per E-Mail habe sie sich damals an die Stadtverwaltung gewandt. Die Antwort: Alles sei wie immer. Auf HNA-Anfrage teilte die Stadt jetzt mit, dass das Problem bekannt sei. Wegen technischer Probleme seien nicht alle Töne des Glockenspiels zu hören.

Der Glockenstimmer könne aber erst im neuen Jahr das Problem beheben. Zudem seien auch die Weihnachtslieder, die seit vergangener Woche täglich um 16.01 und um 16.31 Uhr zu hören sind, nicht fehlerfrei. Ein Fan des Glockenspiels werde Blanka Halbig trotzdem bleiben. „Ich finde es immer wieder schön, zu sehen, wie Kinder und Touristen dem Glockenspiel begeistert lauschen.“ Seit sie vor etwa zwei Jahren nach Hann. Münden gezogen sei, habe sich das Lied von Doktor Eisenbart „in ihr Herz geläutet“. Zudem habe das Glockenspiel wohl eine besondere Wirkung auf ihre Tochter Ylvie.

Kurz nach der Geburt gab es einen Tag, an dem sie viel geweint habe. Doch als das Doktor-Eisenbart-Lied auf dem Rathausplatz ertönte, hörte sie plötzlich auf. Jetzt, nach etwa einem Jahr, wippt sie immer mit, sagt Blanka Halbig und lächelt. Meistens sitzen sie zusammen am Fenster ihrer Wohnung in einer Hängematte, beobachten die Figuren und lauschen dem Glockenspiel, erzählt sie. „Schon während der Schwangerschaft habe ich dort gesessen und dem Lied zugehört.“ Vielleicht mag Ylvie das Glockenspiel deshalb so sehr. (Natascha Terjung)

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