Umstrittener Sozialreformer aus Jühnde

Nazi-Vorwurf: Streit um Straßennamen in Dransfeld

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Einige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg: Heinrich Sohnrey im Juni 1936.  

Dransfeld. In Dransfeld wird mit der Heinrich-Sohnrey-Straße immer noch der umstrittene Sozialreformer geehrt. Dabei stand der Lehrer dem Nationalsozialismus nahe. Nun formiert sich Protest.

Die Realschule in Hann. Münden hat einen neuen Namen bekommen, die „Heinrich-Sohnrey-Straße“ in der Dreiflüssestadt wurde der Quantzstraße zugeschlagen, nur in Dransfeld steht der umstrittene Name immer noch unkommentiert auf dem Straßenschild: Jetzt wird die Debatte neu aufgenommen.

Hermann Fricke aus Hann. Münden hat eine Petition an die Dransfelder Verwaltung gerichtet: Die öffentliche Ehrung Heinrich Sohnreys in Form eines Straßennamens „verstößt gegen unsere freiheitlich demokratische Grundordnung“, so Fricke. Hintergrund ist Sohnreys Nähe zum Nationalsozialismus. In einer gutachterlichen Stellungnahme 2013 hatte Dr. Dirk Schumann eine rassistische Tendenz in Heinrich Sohnreys Werk festgestellt: Bereits 1914 sei diese erkennbar und spitze sich nach 1933 weiter zu, so Prof. Schumann, der damals der Universität Göttingen empfahl, sich von ihrem 1934 ernannten Ehrenbürger zu distanzieren. 

Der inzwischen gestorbene Professor Frank Möbus hatte bereits vorher auf die nationalsozialistische Geisteshaltung Sohnreys aufmerksam gemacht. Seitdem war die Frage, ob auch die Straße in Dransfeld umbenannt werden soll, wiederholt in den politischen Gremien diskutiert worden. Die Linke hatte 2014 eine Umbenennung der Straße in Erwin-Proskauer-Straße vorgeschlagen. Ulrich Maschke erneuerte diesen Vorschlag vor eineinhalb Jahren: Damit würde man ein Zeichen setzen und an ein NS-Opfer erinnern. 

Proskauer war von Nationalsozialisten ermordet worden. Der Antrag der Linken wurde abgelehnt, aber eine öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltung angekündigt. Diese soll nun am 19. September ab 19 Uhr in der Dransfelder Stadthalle stattfinden, so Stadtdirektor Mathias Eilers. Als Experten wurden der Sohnrey-Biograf Gerd Busse und der Historiker Dr. Rainer Driever eingeladen.

Ob der Name „Heinrich-Sohnrey-Straße“ geändert werden soll oder nicht, darüber sollen die Anwohner mitentscheiden. Das zumindest war die Ansage im Februar 2017 in der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt, der das Thema behandelt hatte. Bereits im vorigen Jahr angekündigt, soll die öffentliche Info-Veranstaltung nun also am 19. September stattfinden. Danach wird der Verwaltungsausschuss über das Thema sprechen, der Dransfelder Rat am Ende entscheiden. 

Für eine Änderung des Straßennamens hatte sich Günther Schwethelm (Die Grünen) voriges Jahr im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt stark gemacht und den Antrag der Linken unterstützt: „Wenn man sich mit der Literatur von Heinrich Sohnrey beschäftigt, kann man ihn einfach nicht mit einem Straßennamen ehren“, sagte Schwethelm damals, und: Was Sohnrey geschrieben hat, habe klare nationalsozialistische Tendenzen und könne nicht als Jugendsünde entschuldigt werden.

Ein Vorschlag steht noch als Kompromiss im Raum: In Bovenden hat man die Sohnreystraße nicht umbenannt, aber mit einem Zusatzschild versehen, das auf die Biografie des Namensgebers hinweist und auf die zwiespältige Bewertung derselben.

Ob Sohnrey aus taktischen Gründen nationalsozialistisch auftrat oder aus Überzeugung, darum ging es immer wieder in der öffentlichen Diskussion. Für Frank Möbus („In Sachen Heinrich Sohnrey“, 2009) war das nicht von Belang. Selbst, wenn alle Texte Sohnreys, die NS-Gedankengut enthalten, einem „wirtschaftlichen Gründen geschuldeten Opportunismus“ entsprungen wären: „Eine Vielzahl von Heinrich Sohnreys Texten steht in einem eklatanten Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Nach heutigem Rechtsverständnis wären sie als Volksverhetzung im Sinne von § 130 des Strafgesetzbuches einzustufen.“  

Ein Leben aus verschiedenen Blickwinkeln

Publikationen über Heinrich Sohnrey gibt es viele. In der Diskussion immer wieder zurate gezogen werden unter anderem:

Biografie als Buch

 Gerd Busse, der 2009 mit dem Buch „Zwischen Hütte und Schloss“ seine Sohnrey-Biografie vorlegte, beschreibt Sohnrey als einen Mann mit vielen Facetten, Heimatdichter und Sozialreformer, kaisertreu und konservativ und dennoch bestrebt, das Leben der einfachen Leute zu verbessern. Sohnreys Kollaboration mit den Nazis wird in dem Buch ebenfalls thematisiert, Busse versucht, diese Verbindung nachzuvollziehen, ohne in die eine oder andere Richtung zu urteilen.

Gutachterliche Stellungnahme

Prof. Dr. Dirk Schumann hatte im Auftrag der Georg-August-Universität Göttingen Ehrenbürger und Ehrendoktoren der Uni, die unter dem NS-Regime ernannt worden waren, untersucht. Im Fall Sohnrey fällt die Bewertung eindeutig aus. „Zwar war Heinrich Sohnrey kein Nationalsozialist im engeren Sinn und hat sich unbestreitbare Verdienste um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse auf dem Land und die Pflege ländlichen Brauchtums erworben. Dem steht jedoch eine fremdenfeindliche und rassistische Tendenz in seinem Werk gegenüber, die schon vor 1914 erkennbar ist und sich insbesondere nach 1933 weiter zuspitzt. Seine Bekundungen der Unterstützung für das nationalsozialistische Regime waren nicht nur taktisch motiviert, sondern auch von echter Überzeugung und partieller Übereinstimmung mit dessen Zielen getragen. Von dieser Tendenz seines Denkens hat sich Sohnrey auch in der Nachkriegszeit nicht distanziert, wenngleich er schon vor Kriegsende von Hitler selbst abrückte“ heißt es in der gutachterlichen Stellungnahme von Prof. Schumann unter Mitarbeit von Lena Freitag (Bachelor) und Isabella Bozsa (Master).

Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft 

Die Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft in Jühnde beschreibt auf ihrer Webseite Sohnreys beruflichen Werdegang, sein Eintreten für die „kleinen Leute“. Im Hinblick auf den Nationalsozialismus heißt es dort: „S. hoffte, dass der Nationalsozialismus seine Anliegen fortführen würde, doch seine Publikationsorgane wurden gleichgeschaltet, sein Verein aufgelöst und sein Verlag vom Reichsnährstand übernommen. Beim alternden Schriftsteller nahm das Ideologische zu (...); seine Texte näherten sich zum Teil der Blut- und Boden-Dichtung.“

Möbus-Untersuchung

Prof. Frank Möbus sah schon 2009 Sohnrey voll und ganz in der nationalsozialistischen Ideologie verankert und zählte unter anderem auf: 1933 habe Sohnrey mit 87 anderen Literaten das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichnet, 1939 ehrte Adolf Hitler Sohnrey mit dem „Adlerschild des Deutschen Reiches“, Gauleiter Hartmann Lauterbacher ernannte Sohnrey zum Ehrenmitglied des „Gauheimatwerkes Süd-Hannover-Braunschweig“. Laut Möbus’ Recherche in Akten des Bundesarchives gebe es keine Hinweise darauf, dass Sohnrey von Repressalien des NS-Regimes betroffen oder bedroht gewesen wäre – was ihn also quasi gezwungen haben könnte, im Sinne der Nationalsozialisten zu schreiben. Im Gegenteil, so Möbus: Schon früh finde man NS-Gedankengut in Sohnreys Werken. Mit einem Zitat Hitlers habe Sohnrey in einer Anzeige sein Buch „Wulf Alke“ beworben. Aus dem Roman „Das fremde Blut“, zitiert Möbus eine ganze Reihe von Passagen, die die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie und die „Rassenlehre“ widerspiegeln, und aus „Die Dreieichenleute“ gibt er antisemitische Stellen wieder, erschienen bereits 1900. Schließlich zitiert Möbus Sohnrey direkt: „Wir, die Menschen der Dörfer und Höfe, verdanken dem Führer neben vielem vor allem ein Großes, dass wir uns wieder auf uns selbst besinnen konnten.“

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