Interview mit Referent Dr. Hans-Georg Kelterborn

Vortrag in der Marienkirche Gimte: Die Christen und das liebe Geld

Dr. Hans-Georg Kelterborn hat sich Luthers Sicht auf die Finanzwelt vorgeknöpft und referiert darüber beim „Theologischen Aschermittwoch“. Repro/nh, Foto: Sangerhausen

Gimte/Dransfeld. Beim Theologischen Aschermittwoch in der Marienkirche Gimte (Hann. Münden) wird die Evangelische Kirche traditionell gegen den Strich gebürstet.

Das Thema diesmal: „Wie Luther dem Wucher die Leviten las". Wir sprachen mit dem Referenten Dr. Hans-Georg Kelterborn. Er promovierte mit Theologie, Soziologie und Pädagogik in Bielefeld. In Reutlingen leitete er 26 Jahre lang die Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik. Dr. Kelterborn lebt in Dransfeld. Sein Vortrag am Aschermittwoch, an den sich ein Gespräch anschließt, beginnt um 19.30 Uhr.

Alle reden über Flüchtlinge, Sie reden über Luther und das Geld - wie kamen sie ausgerechnet auf dieses Thema?

Dr. Hans-Georg Kelterborn: Ich bin ja leidenschaftlicher Pädagoge und beobachte seit langem, dass die Eltern kleiner Kinder immer weniger Spielräume haben. Es ist das Resultat der beruflichen Arbeitsverdichtung. Oft müssen auch beide Elternteile arbeiten, um ihre Rente zu sichern, die Freiheit der jungen Paare geht verloren. Und dieses Thema kreuzte dann noch die Finanzkrise 2008, die ganz Europa in große Schwierigkeiten gebracht hat: eine immense Verschuldung der Staaten, mit negativen Rückwirkungen auf die Steuer -und Sozialpolitik.

Was hat Martin Luther damit zu tun?

Dr. Kelterborn: In der EKD-Dekade bis zum Reformationsjubiläum 2017 werden viele wichtige Themen behandelt, merkwürdigerweise aber nicht der ungezügelte Finanzkapitalismus.

Dabei hat Luther dazu viel zu sagen - und wenn man es liest, klingt es, als hätte er unsere Zeit gut gekannt. Er schreibt über fairen Wettbewerb, gerechte Preisgestaltung, proklamiert einen Mindestlohn, von dem man leben kann, spricht über das Verbot von Wucher, über Zinsen und wie man all das regelt. Aber die etablierte Theologie umschifft dieses Thema vornehm.

Woran liegt das?

Dr. Kelterborn: Ich glaube, weil das kirchliche Establishment zu sehr mit dem System verbandelt ist, betriebsblind gewissermaßen. Es gibt einige wenige Veröffentlichungen darüber, aber diese Stimmen kommen beim 500. Reformationsjubiläum bislang nicht zu Gehör. Individual-ethisch kann man Menschen sehr gut unter Druck setzen: Du musst lieb sein und auf Dein Gewissen hören, jeder wird persönlich in die Verantwortung genommen. Dass das aber auch sozialethisch für die Institutionen gilt, davon hört man kaum etwas. Die Kirche vertraut wohl darauf, dass ein guter Christ auch ein guter Unternehmer oder ein guter Politiker ist, der für eine gerechte Ordnung sorgt.

Also geht es Ihnen um soziales Miteinander, auch da, wo Geld verdient wird?

Dr. Kelterborn: Genau darum geht es Luther, dass ein Christ auch beim Geschäftemachen immer mit seinem Nächsten in einer fairen Beziehung steht. Diese sozial-ethische Ebene ist aber unterbelichtet in der theologischen Debatte.

Sind wir dann doch bei der Flüchtlingsthematik und der Verantwortung für den Nächsten angekommen?

Dr. Kelterborn: Wenn jemand in Not ist, würde Luther sagen, muss ich ihm helfen, aber wenn ich selbst nichts mehr habe, kann ich auch nichts geben. Und ein Christ, so Luther, soll freigiebig sein, aber dafür muss er zuvor auch etwas verdienen, eine pragmatische Sicht. Verantwortungsethisch ist der Staat nicht mit dem dem barmherzigen Samariter zu vergleichen, er darf sich nicht selbst aufgeben. Eine Verantwortung gibt es aber schon: Luther hat mit der Einrichtung so genannter Armenkassen in protestantischen Gemeinden eine kommunale Verantwortung etabliert. Nach dem Prinzip: Wer arbeiten kann, der soll auch arbeiten und anständig dafür bezahlt werden. Wer aber nicht arbeiten kann - weil er in Not oder krank ist - der soll aus der Armenkasse etwas bekommen, in die die Bürger zuvor eingezahlt haben.

Was wollen Sie Ihren Zuhörern konkret mit auf den Weg geben?

Dr. Kelterborn: Ich will versuchen, den Menschen für ihrem Nahbereich zu zeigen, was sie machen können - wegkommen von der Wegwerfmentalität, nicht immer noch billigere Sachen kaufen, Produkte wählen, die man auch reparieren kann.

Wir können nicht warten, bis die Reformationsverantwortlichen ihren „blinden Fleck“ aufgearbeitet haben. Ich lade ein zu einem Leben, das auf Protzen verzichtet, und empfehle von Wolfgang Kessler „Zukunft statt Zocken. Gelebte Alternativen zu einer entfesselten Wirtschaft.“

Dann hoffe ich, dass aus dem Publikum auch Vorschläge und Erfahrungen kommen und freue mich auf die Gespräche. (tns)

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