Besuch aus den Niederlanden in Dransfeld: Versöhnen beim Erinnern

Fotos erzählen ein Stück Geschichte: Mitglieder des Dransfelder Bürgerforums 9. November (von links: Edda und Horst Pinne, Erika Hogrebe, Else Waschkowitz, Wilhelm Behrendt, Liselotte Hesse und Erich Hogrebe) im Gespräch mit dem jüdischen Ehepaar Robert Hompes und Evelyn Hompes-Haas.

Dransfeld. Die Enkelin von Ella und Samuel Haas aus den Niederlanden besuchte die "Stolpersteine" für ihre Familie in Dransfeld.

„Das ist doch mein Vater!“ „Und da ist mein Onkel!“ Gelächter. Erinnerungen. Was gestern im Café in Dransfeld wie ein Klassentreffen wirkte, in dem fröhlich alte Geschichten ausgetauscht wurden, hatte einen ernsten Hintergrund: Aus den Niederlanden waren Evelyn Hompes-Haas und Robert Hompes zu Besuch.

Sie hatten die Spur der Familie Haas bis nach Dransfeld zurückverfolgt, kamen bei Wilhelm Behrendt an und erfuhren überrascht und erfreut, dass vier kleine Gedenksteine an Heinz, Ella, Samuel und Carl Haas erinnern, Onkel, Großeltern und Vater der Niederländerin. Bisher sei sie durch Deutschland immer nur durchgefahren, sagt Evelyn Hompes-Haas, und habe kein gutes Gefühl dabei gehabt. Doch mit dem Besuch in Dransfeld gestern änderte sich das: „Ich habe nicht erwartet, dass sich so viele mit unserer Geschichte befassen. Ich habe jetzt ein positives Gefühl, wir können unsere Geschichte nun hinter uns lassen.“

Das Dransfelder Bürgerforum 9. November und Bürgermeister Rolf Tobien nahmen das Ehepaar in Empfang. Nach einem Besuch in der ehemaligen Synagoge ging es weiter zur früheren Adresse der Familie Haas an der Langen Straße, wo vor drei Jahren „Stolpersteine“ verlegt worden waren. Ihre Familie, erzählte Evelyn Hompes-Haas, habe in Dransfeld ein glückliches Leben geführt, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Robert Hompes sprach über den Gedenksteinen ein Kaddisch, ein jüdisches Gebet.

Ein Abstecher führte die Gruppe zu den Steinen für Familie Katzenstein an der Bahnhofstraße, bevor Evelyn Hompes-Haas dazu einlud, alte Fotoalben und einen Familienstammbaum zu betrachten, die sie mitgebracht hatte.

Mit spitzem Bleistift stehen in kleiner Schrift und etwas blass Namen wie Zamponi, Ludewig und Mosenthal neben einem Bild, und die alteingesessenen Dransfelder erkannten schnell Gesichter wieder, jüdische und nicht-jüdische. Ganz normal war das Nebeneinander und Miteinander über einen langen Zeitraum, stellten die Betrachter im Café fest.

Evelyn Hompes-Haas trennte einige Fotos aus den Alben und überließ sie der Dransfelder Gruppe. Es sei ihr wichtig, dass die Geschichte hier gut aufgearbeitet und aufbewahrt werde, sagte sie.

Sie selbst befasse sich erst seit kurzem mit der Geschichte ihrer Familie. Bisher habe eher die Familie von Robert Hompes im Mittelpunkt gestanden, die den Holocaust nicht überlebte, Hompes wuchs bei Pflegeltern auf. Seine Familie habe ein viel schlimmeres Schicksal erlitten als ihre, sagte sie sachlich.

Und dann überreichte sie ein anderes Erinnerungsstück an das Bürgerforum: Einen Stern aus gelbem Stoff mit der niederländischen Aufschrift „Jood“, der „Judenstern“, den Samuel Haas in den Niederlanden tragen musste. Denn mit der Flucht ins benachbarte Ausland im Jahr 1933 war die Verfolgung für die Familie noch lange nicht vorbei.

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