„Sie sind nicht hier“

Enkelin von vertriebener Dransfelder Jüdin auf Spurensuche

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Auf Spurensuche in Dransfeld: Gustavo Wilensky (links) und Daniela Lachman aus Argentinien besuchen mit Heinz-Jörgen Kunze-von Ha rdenberg, Renate Tebbel, Anne von Hardenberg, Wilhelm Behrendt und Carsten Rehbein Orte, an denen Lachmans Vorfahren gelebt hatten. 

Es ist ein bewegender Moment für Daniela Lachman, als sie auf der Langen Straße in Dransfeld auf den Stolperstein von Senta Proskauer stößt.

Für sie ist es nicht nur eine Erinnerung an die Dransfelder Jüdin, die 1938 vor den Nazis nach Paraguay fliehen konnte. Die Argentinierin streicht mit ihren Fingern über den Namen ihrer Großmutter und weint.

Das Haus, in dem Senta Proskauer gelebt hat, steht nicht mehr. An seinem Platz ist heute der Neubau der Wäscherei Hesse zu finden. Familie Hesse hat Fotos und Zeitungsartikel über das Gebäude für die Nachfahren aufbewahrt. Die 46-Jährige dreht sich zum alten Friedhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite um und erinnert sich an eine der wenigen Geschichten, die ihre Großmutter über ihre Herkunft erzählt hat: „Sie sagte, dass sie gegenüber von einem Friedhof gelebt und sich davor gefürchtet hat.“ Über ihre Erfahrungen in Deutschland hat die Vertriebene nie mit ihrer Familie gesprochen.

Aus diesem Grund hat sich Daniela Lachman nach dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr auf Ahnenforschung begeben. So stieß sie im Internet auf eine Anzeige des Dransfelder Bürgerforums 9. November. Der Verein arbeitet die Geschichte jüdischer Familien auf und bietet ihren Nachfahren einen Besuch in Dransfeld an. „Ich wollte nie einen Fuß auf deutschen Boden setzen“, sagt die Geschichts- und Mathelehrerin aus Argentinien. Sie unterscheide zwar zwischen Nazis und Deutschen, doch „nach dem Horror, der den Juden widerfahren ist, wollte ich nicht hierherkommen“, sagt die Frau, die den Glauben ihrer Vorfahren teilt. Da sie mit ihrem Ehemann gerade Europa bereist und auf die Anzeige des Forums gestoßen war, entschied sie sich dennoch für den Besuch, der ihr sichtlich nahe geht.

Stolpersteine vor dem Neubau der Wäscherei Hesse erinnern an die Großmutter Senta Proskauer.

Carsten Rehbein begrüßte die Argentinier zunächst vor der Dransfelder Synagoge und hielt mit belegter Stimme eine Ansprache. Er sehe die Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk nach wie vor gegeben. „In Dransfeld gibt es die Zeichen für ein buntes Deutschland und den Kampf gegen Rechts! Und genauso gibt es das Erinnern an die jüdischen Familien und deren Schicksal während der Naziherrschaft“, sagte Dransfeld Bürgermeister.

Die Tischlerei Steffen öffnete den Besuchern ihre Türen in den Raum der ehemaligen Synagoge. Diese ist nur von außen als Solche zu erkennen. Im Inneren ist die Wand zum Handwerksbetrieb durchbrochen, der Raum wird zum Arbeiten genutzt. Lachman erinnert der Geruch der Sägespäne an ihren verstorbenen Vater, der mit Holz gearbeitet hatte. Sie steht im Raum und sieht sich die Eingangstür, die alten Fenster und die Empore an, die an den ehemaligen Verwendungszweck des Gebäudes erinnern. Die letzte Hochzeit ihrer Familie in Deutschland habe in diesem Raum stattgefunden. „Sie sind nicht hier“, sagt sie unter Tränen und blickt sich suchend im Raum um, „das ist keine Synagoge.“

Nach den Stationen in Dransfeld fährt die Gruppe weiter nach Hann. Münden, wo sie Bürgermeister Harald Wegener und Stadtarchivar Stefan Schäfer für eine Stadtführung treffen. Schäfer hat die Geschichte der Familie Proskauer auf 20 Seiten aufgearbeitet und überreicht sie Daniela Lachman. Die setzt ihre Europareise nach drei Tagen in Deutschland in Spanien fort. 

Das Schicksal der Familie Proskauer

Drei Generationen der Familie Proskauer lebten in Hann. Münden und Dransfeld, bis sie am 26. März 1942 auf Veranlassung der Gestapo Hildesheim im Sinne der damaligen Verwaltungssprache in den Osten „abgeschoben“ wurden. 

Die Geschichte der Proskauers in Münden beginnt im Jahre 1870. In dem kleinen Landstädtchen Leobschütz im damals noch preußischen Oberschlesien begab sich der 1846 geborene Salo Proskauer auf eine weite Reise. Das Ziel war Münden. Salo war er Kaufmann und ließ sich als Rohprodukten- und Altwarenhändler nieder. Auch das Pfandleih- und Versicherungsmaklergewerbe übte er aus. Wohl um 1873 heiratete er Pauline Katz. Im gleichen Jahr konnte ein Teil eines Hauses in der Rosenstraße erworben werden. Zwischen 1873 und 1894 bekam das Paar sechs Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Salo Proskauer hatte sich den Ruf eines fairen Kaufmanns gerade bei der nicht betuchten Bevölkerung erworben. 

Im Jahre 1894, dem Jahr der Geburt der jüngsten Tochter Meta, starb die sechsfache Mutter Pauline im Alter von 44 Jahren. 1896 schloss Salo eine zweite, kinderlose Ehe. 1898 kaufte Salo Proskauer das Haus Hinter der Stadtmauer 16. Die Söhne Hermann, Eugen und Julius wurden allesamt Kaufleute. Hermann ging 1908 nach Dransfeld und eröffnete dort ein Geschäft für landwirtschaftliche Produkte und einen Kohlenhandel. Im gleichen Jahr heiratete er. Mit Erwin und Senta, bekam das Paar zwei Kinder. 

Das Foto von Senta Strasser, geborene Proskauer, ist ein Erinnerungsstück ihrer Enkelin Daniela Lachman.

Die Hetze der Nationalsozialisten gegen die Juden führte zur wachsenden Stigmatisierung und Ausgrenzung aus dem Wirtschaftsleben. Die Geschäftsgrundlage wurde nach und nach beschnitten und die als Parasiten bezeichneten Juden wurden systematisch ausgeplündert. Das Ehepaar Hermann und Johanna Proskauer musste seine wirtschaftliche Existenz in Dransfeld im Juni 1938 aufgeben. In sogenannten Judenhäusern, in diesem Fall in der Lohstraße 15, fanden sie gemeinsam mit Sohn Erwin Obdach. Tochter Senta gelang frisch verheiratet wenige Wochen zuvor die Ausreise Richtung Argentinien mit dem Ehemann Werner Strasser. Erwin wollte nachfolgen, doch die Ausreise scheiterte. Am 03. Oktober 1939 wurde er von SA-Männern in die Werra gestoßen und ertrank. 

Wirtschaftlich mehr und mehr verarmt, war eine Ausreise während des nun begonnenen Zweiten Weltkrieges nicht möglich. Am 26. März 1942 wurden auf Veranlassung der Gestapo die Eheleute Hermann und Mirjam Proskauer und Julius und Betty Proskauer von der Polizei abgeholt und via Hannover in das Warschauer Ghetto verfrachtet. Ihre Spur verliert sich dort. Schwester Rosa Os wurde in Treblinka ermordet. Lediglich Meta Katz gelingt als einziges Kind von Salo Proskauer die Flucht nach Shanghai, wo sie 1947 starb.

MIT STEFAN SCHÄFER

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