„Wir erleben eine Zeitenwende“

Interview: Landrat Bernhard Reuter über Erreichtes und Mögliches im Landkreis Göttingen

Seit 2011 Landrat: Bernhard Reuter tritt 2021 nicht wieder zur Wahl an.
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Seit 2011 Landrat: Bernhard Reuter tritt 2021 nicht wieder zur Wahl an.

Eine Ära geht 2021 zu Ende: Landrat Bernhard Reuter (SPD) wird nicht wieder zur Wahl antreten. Wir haben mit ihm gesprochen.

Landkreis Göttingen –

Herr Reuter, warum treten Sie bei der nächsten Wahl nicht wieder an?

Ich glaube, dass ich das, was in meinen Möglichkeiten lag, gut erledigt habe. Nun sind andere an der Reihe. Ich wäre am Ende einer nächsten Amtszeit fast 72 Jahre alt. Es ist Zeit, dass jetzt die nächste Generation den Staffelstab übernimmt.

Ein Landrat muss jeden Tag leistungsfähig sein. Es ist ein Managerjob. Und mir sind schon die letzten Monate mit der Coronakrise an die Substanz gegangen. Es ist Zeit aufzuhören.

Südniedersachsen galt bei manchen im Land als abgehängte Region. Ist das noch so?

Die Zahl der Arbeitsplätze ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Bei der Arbeitslosigkeit hatten wir einmal die rote Laterne in Niedersachsen. Wir liegen heute im Durchschnitt. Das ist ein Erfolg.

Wir werden gemeinsam daran arbeiten müssen, dass der Arbeits- und Lebensstandort an Attraktivität weiter zulegt. Das können wir nur gemeinsam, in Netzwerken erreichen.

Die Region Göttingen gehört laut einer aktuellen Studie zu den Aufsteigerregionen in Deutschland. Das heißt, dass wir in den vergangenen sieben Jahren gut vorangekommen sind.

Welche Bedeutung haben die einzelnen Teile des fusionierten Landkreises?

Jede Gemeinde hat ihre eigene Bedeutung. Die Stadt Göttingen ist das prägende Oberzentrum, aber allein keineswegs ein bevorzugter Standort. Im Gegenteil: Nur zusammen mit Hann. Münden, Staufenberg und den anderen Gemeinden haben wir die Vielfalt, die den Landkreis ausmacht.

Das Thema Verschuldung der Kommunen bewegt die Menschen, auch in Hann. Münden. Die Kreisumlage steht in der Kritik - zu Recht?

Die Kreisumlage ist für alle gleich hoch. Hann. Münden hat kein Einnahmenproblem. Die Stadt ist überdurchschnittlich aufkommensstark. Sie hat aber Ausgabenprobleme.

Was sollte denn die Stadt Ihrer Meinung nach tun, um das Problem in den Griff zu bekommen?

Es ist natürlich schwer, von außen Ratschläge zu geben. Man kann nur allgemein sagen: Die Stadt muss die Strukturen überprüfen, ich habe den Eindruck, dass die Verwaltung zu groß ist und dass man sich die komplizierten Strukturen der städtischen Beteiligungen genauer angucken muss.

Die Erfahrung zeigt, dass bei verschachtelten Strukturen Intransparenzen entstehen, die schwer durchschaubar sind.

Die Menschen werden älter. Der demografische Wandel macht vor unserer Region nicht halt. Was haben Sie in Ihrer Amtszeit dagegen getan?

Wir haben im Netzwerk der Südniedersachsenstiftung zusammen mit den Kommunen, Hochschulen und Unternehmen stark dagegen gesteuert – auch mit Projekten wie dem Fachkräftebündnis. Auch mit dem Südniedersachseninnovationscampus SNIC haben wir große Erfolge erzielt.

In den Dörfern erleben wir eine Zeitenwende. Corona hat die Nachteile des Lebens in den großen Städten und die Vorteile des Lebens im ländlichen Raum deutlich gemacht.

Der Landkreis unterstützt das, etwa mit dem Projekt Dorfmoderatoren. Viel hängt aber auch von den Menschen in den Orten und ihrer Bereitschaft, sich für das eigene Dorf zu engagieren, ab.

Der Breitbandausbau ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen. Wie weit sind Sie in dem Bereich gekommen? Es scheint nicht überall optimal zu laufen.

Beim Thema schnelles Internet sind wir deutlich vorangekommen. Wir haben ein Breitbandprojekt aufgelegt und zu großen Teilen abgearbeitet. Dass wir noch nicht in allen Punkten des Kreises zufriedenstellende Bedingungen haben, liegt an den Förderbedingungen. Wenn ein Straßenzug bereits mit 30 oder 50 Megabit pro Sekunde ausgestattet ist, gibt es keine Förderung. Ich war enttäuscht, dass die Telekom, die den Zuschlag erhalten hat, mit dem Ausbau in Teilen deutlich länger gebraucht hat.

Dennoch: Heute haben wir eine überdurchschnittliche Erschließung mit schnellem Internet. Wir machen weiter, was Gewerbegebiete, Schulen und die wenigen noch unversorgten Splittersiedlungen angeht.

Die digitale Infrastruktur ist genauso wichtig, wie ein guter öffentlicher Nahverkehr.

Die Sparkassenfusion hat die Menschen in Münden bewegt. Wie stehen Sie zu weiteren Fusionen?

Die Sparkassenfusion ist ein Prozess. Wir haben für den Moment ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht. Als Landrat habe ich ein Interesse daran, dass die Sparkassen ihr Angebot für die Kunden auch in der Fläche erhalten. Hann. Münden war bundesweit die kleinste Sparkasse, an der ein Landkreis beteiligt war, ein Sorgenkind.

Ich glaube nicht, dass sie die nächste Zeit überlebt hätte. Wir haben die Fusion gerade noch rechtzeitig hinbekommen. Ich glaube, dass es weitere Fusionen geben wird. Dafür spricht die aktuelle Entwicklung: Die Niedrigzinsphase ist nicht vorbei und der Trend zum Online-Banking erst recht nicht.

Was haben Sie als Mensch und als Verwaltungschef aus der Zeit der noch lange nicht bewältigten Coronakrise gelernt?

Wir müssen noch stärker vorbeugend denken. Wir müssen uns in Situationen hineindenken, die es noch nicht gibt, aber geben kann. Wir haben zum Glück massiv in den Bevölkerungsschutz investiert. Deswegen waren wir vergleichsweise gut vorbereitet. Wir könnten und müssten aber noch besser werden. Wir brauchen daher einen starken Öffentlichen Dienst und gut ausgestattete Gesundheitsämter, was sich besonders in dieser Coronakrise und Pandemie zeigt. Hier zu sparen wäre unklug.

Sie haben in Ihrer politischen Laufbahn viele Erfahrungen gesammelt. Wird der Landkreis Göttingen auch künftig davon profitieren?

Ich werde mich nicht aufdrängen. Wenn mich jemand nach Rat fragt, antworte ich aber natürlich gern. Ich werde der Region natürlich weiter verbunden bleiben.

In welcher Form und Tätigkeit, sie sind ein erfahrender Netzwerker mit guten Kontakten, zudem auch sehr kulturinteressiert?

Das möchte ich jetzt noch nicht sagen. Meine Amtszeit läuft ja auch noch ein volles Jahr bis Oktober 2021.

Von Thomas Schlenz und Thomas Kopietz

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