Medikament für Leukämie

Flugpost von Paris nach Kassel: 1954 wurde ein seltenes US-Medikament per Funkspruch gesucht

SOS! Mars-Station ruft – Paris antwortet: Die Ausgabe Hessischen Nachrichten (HN) vom 25. September 1954 berichtet über den Funkspruch, mit dem ein seltenes Medikament gegen Leukämie gesucht wurde.
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SOS! Mars-Station ruft – Paris antwortet: Die Ausgabe Hessischen Nachrichten (HN) vom 25. September 1954 berichtet über den Funkspruch, mit dem ein seltenes Medikament gegen Leukämie gesucht wurde.

Ein alter Zeitungsartikel berichtet über eine spektakuläre Aktion, die sich 1954 in Kassel ereignete.

Kassel - Ein HNA-Leser aus Varlosen (Landkreis Göttingen) erinnert sich an die Suche nach einem noch seltenen Medikament für seine leukämiekranke Mutter. „Genau 268 Minuten waren vergangen, seit Staff-Sergeant Harvey Olsen von der „Mars Station“, der Amateur-Funkerbude auf dem Flughafen Rothwesten, seinen SOS-Ruf in den Aether gejagt hatte, als ein schwerer Sikorsky-Hubschrauber über dem Landeplatz kreiste. Ein Armee-Krankenwagen stand bereit, der Pilot winkte mit dem Arm, dann klatschte ein kleines, wohlverschnürtes Paket auf dem Erdboden auf.

Minuten später fand es sich in den Händen von Frau Helga Koppelmeier, die mit ihrem Wagen von Rothwesten nach Kassel in das Diakonissen-Krankenhaus fuhr. Chefarzt Dr. Theodor Blackert empfing das Paket, öffnete es und brachte eine kleine unversehrte Glasschachtel zum Vorschein. Sein Inhalt: Purinethol, eine in Deutschland nicht erhältliche Medizin gegen Leukämie.“

So beginnt ein Artikel, der am 25. September 1954 in der Kasseler Stadtausgabe der Hessischen Nachrichten (HN) zu lesen war, die später HNA heißen würden. Detlef Philipps aus Varlosen war damals sechs Jahre alt. Das Medikament war die letzte Hoffnung für seine schwerkranke Mutter, wie er nun berichtet, damit diese außergewöhnliche Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

US-Militärkrankenhaus in Paris sendet seltenes Medikament nach Kassel

Die Familie Philipps lebte demnach in Kassel. Der Vater arbeitete bei Mercedes Benz. Weil die Mutter krank war, kümmerte sich die Großmutter um Detlef und seine zwei Geschwister. Sein Vater hatte sich nach neuen Heilmethoden erkundigt, nachdem die deutsche Medizin an ihre Grenzen gekommen war, erzählt der heute 72-jährige Detlef Philipps.

So erfuhr der Vater von dem neuen Medikament aus den USA. Ein Amerikaner, den er nach dem Krieg kennengelernt hatte, setzte den Funkspruch mit Bitte um das Medikament ab. Ein US-Militärkrankenhaus in Paris hatte die Nachricht empfangen und das Medikament sofort losgeschickt. Die spektakuläre Aktion konnte die Mutter aber nicht mehr retten. „Die Hilfe kam drei Monate zu spät“, sagt ihr Sohn. Kläre Philipps starb im November 1954 im Alter von 31 Jahren.

Detlef Philipps aus Varlosen spricht über die Leukämie-Erkrankung seiner Mutter. Seine Ehefrau Annegret hat dieselbe Krankheit überlebt.

Jahre später lernte Detlef Philipps seine Ehefrau Annegret kennen. Wenige Tage bevor der Installateur beruflich nach Saudi-Arabien fliegen musste, traf er die 20-Jährige in der Disco. Er fragte sie, ob sie ihn begleiten würde, doch ihre Ärzte ließen eine weite Reise noch nicht zu. Annegret war 20 Jahre alt und erholte sich von einer schweren Krankheit – Leukämie.

Mit 17 Jahren war sie an Blutkrebs erkrankt, wie sie berichtet. Während ihrer Ausbildung zur Großhandelskauffrau wurde sie behandelt. „Früher war die Therapie schwerer als heute. Das steckte alles noch in den Kinderschuhen.“ Die Chemotherapie wurde ihr siebenmal per Spritze verabreicht. Die Haare fielen ihr aus. „Man hat das Gefühl, der ganze Körper brennt“, sagt die heute 61-Jährige.

Doch die Therapie, die in den 50er-Jahren für Kläre Philipps Ärzte noch Neuland gewesen war, hatte in den 70ern Annegret heilen können. Die Frauen hatten im selben Behandlungszimmer in Göttingen gelegen. Nachdem sich Detlef und Annegret Philipps kennengelernt hatten, flog Detlef ins Ausland, um seine Kündigung einzureichen, und zog zu ihr nach Varlosen. Der Krebs kam nie zurück. Die beiden freuen sich heute über einen Sohn und zwei Enkelkinder.

Mediziner: Wenige Medikamente im Nachkriegsdeutschland

Zur geschichtlichen Einordnung des HN-Artikels von 1954 hat die Redaktion den Bericht von Medizinern einschätzen lassen. Demnach gibt es eine Therapie für Leukämie bereits seit den 1920er Jahren, wie Prof. Dr. Gerald Wulf, von der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Unimedizin Göttingen informiert. Die erste Heilung mittels Arsen und Bestrahlung sei 1927 in Zürich dokumentiert worden.

„Das Beispiel aus Kassel belegt sehr schön die Schwierigkeit der Pharmaproduktion in Nachkriegsdeutschland. Bei wichtigen Substanzen waren wir völlig auf die USA und England angewiesen“, so die Einschätzung von Prof. Dr. Peter Voswinckel von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie. Der Fall Philipps sei nicht die erste „Chemotherapie“ in Deutschland gewesen, aber möglicherweise die erste Behandlung mit dem Wirkstoff „Mercaptopurin“.

Erste Mittel gegen Leukämie schon 1947

Denn schon 1947 habe der Freiburger Internist Ludwig Heilmeyer den Begriff „Zytostastica“ eingeführt (Substanzen, die Körperzellen vernichten oder deren Vermehrung verhindern beziehungsweise verzögern). 1954 habe es bereits zwei bis drei chemotherapeutische Wirkgruppen gegeben, die „in einigen wenigen“ deutschen Kliniken ausprobiert worden waren. „Es war damals absolute Mangelware“, so Prof. Dr. Voswinckel. Beinahe jährlich seien neue Substanzen hinzugekommen.

„Das Merkaptopurin erregte Aufsehen, weil es einen neuen Wirkungsmechanismus aufgedeckt hatte. Den Angriff von Bakterien und Zellen auf dem Wege des Austauschs von natürlichen Purinbausteinen durch synthetische Stoffe; dafür bekamen Hitchings und die (jüdische) Assistentin Gertrude Elion 1988 den Nobelpreis für Medizin“, so Prof. Dr. Voswinckel.

Das Mittel „Purinethol“, wie es im HN-Artikel von 1954 genannt wird, habe noch heute eine Zulassung, werde aber selten eingesetzt, so Dr. Wulf. Das damit verbundene Prinzip sei weiterentwickelt worden und stehe heute für viele wichtige Krebsmedikamente. (Kim Henneking)

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