Folgen einer Wirtschaftskrise

1892 gründete sich in Hann. Münden der „Antisemitische Verein“

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Die Burgstraße um 1885 mit dem Hotel „Zur Krone“. Der Antisemitische Verein rief schon 1893 mit einem Stempel (Bild) zum „Judenboykott“ auf.

1873 bahnte sich ein Konjunkturtief der Weltwirtschaft an. Die Folge: es bildeten sich zunehmend nationalkonservative, antisemitische Strömungen heraus – auch in Hann. Münden.

Nicht zum ersten Mal in der Geschichte wurden Juden zu Wucherern und Betrügern erklärt.

Das lag vor allem auch daran, dass Juden jahrhundertelang verboten worden war, sich in den in Zünften organisierten Handwerken zu verdingen. Übrig blieb vornehmlich das Bank- oder Handelswesen. 1870 schließlich erhielten Juden nach Jahrhunderten der Diskriminierung die bürgerliche Gleichberechtigung. Antisemitische Gruppierungen wollten ihnen die jedoch wieder absprechen und Juden bestenfalls sogar des Landes verweisen.

Auch in Münden trat diese Entwicklung zutage und so wurde dort 1892 der „Antisemitische Verein“ gegründet. Diesem Verein, der seine Absichten ab 1894 unter dem Namen „Deutsch-Sozialer Reformverein“ tarnte, traten insgesamt 104 Personen bei.

Hinter all den reichsweit sich gründenden „Antisemitischen Vereinen“ stand deren Zusammenschluss unter der von Max Liebermann von Sonnenberg gegründeten Antisemitischen Deutschsozialen Partei. Eines der Hauptbetätigungsfelder des Vereins war die Ausrichtung von Vortragsabenden, bei denen eine Vielzahl verschiedener antisemitischer Redner sprach.

Diese Veranstaltungen fanden zumeist im Nickel’schen Saal des Hotels Krone in der Burgstraße statt. Allerdings gab es auch Gegner, zumeist Sozialdemokraten, die sich regelmäßig unter die Zuhörer mischten. Einmal gelang es ihnen sogar, den Abbruch der Veranstaltung herbeizuführen.

Am 4. Dezember 1892 hielt Max Liebermann von Sonnenberg, seit 1890 Reichstagsabgeordneter, einen dreistündigen Vortrag unter dem Thema „die Juden, die Könige unserer Zeit“.

Ein Rabbiner aus Göttingen, Dr. Benno Jacob, war ebenfalls anwesend gewesen und versuchte, am Ende des Vortrags das Wort zu erheben.

Quittiert wurde dieser Versuch mit harschen „Raus!“-Rufen aus dem Publikum. Schließlich wandte sich Pastor Dr. Arnold Walter Mitte in einem Leserbrief in den Mündenschen Nachrichten an die Mündener Bevölkerung. Mitte war Mitglied des reichsweit agierenden Vereins zur Abwehr des Antisemitismus und erläuterte den Lesern, dass die antisemitische Agitation zum Zweck habe, Juden die seit 1870 bestehende staatsbürgerliche Gleichberechtigung abzuerkennen. 

Die Ausgrenzung der Juden blieb aber nicht ohne Widerspruch: In mehreren Anzeigen in den Mündenschen Nachrichten warnte man vor judenfeindlichen Bewegungen: „Kein Stand, kein Beruf, keine Konfession oder Religionsgemeinschaft darf in dem Genuss der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung beeinträchtigt werden.“ Besonders eindringlich wirkt der letzte Satz: „Wer einen Antisemiten wählt, legt die Axt an die Wurzeln des Rechtsstaates.“ Am 15. Juni 1893 fand die Reichstagswahl statt. Für die Antisemitische Partei kandidierte Hans Freiherr von Berlepsch, er erzielte 185 (16 Prozent) Stimmen.

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