5000 Kilometer bis Münden: Familie erzählt von Flucht aus dem Irak

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Endlich in Sicherheit: Mutter Shadan (links), Sohn Karma und Vater Shwan Kadersherin hoffen, in Deutschland bleiben zu können. Übersetzerin Susan Firozi erklärt der Familie in der Polizeiakademie Münden die weiteren Schritte im Asylverfahren.

Hann. Münden. Vor einem Monat ist Shwan Kadersherin mit seiner Familie aus dem Irak geflohen. Uns hat er in der Mündener Notunterkunft berichtet, was er auf der Flucht erlebt hat.

Als die Terroranschläge in seiner Heimat immer näher kamen, konnte Shwan Kadersherin nicht mehr anders: Der 36-Jährige verkaufte hastig alles, was er hatte, nahm seine hochschwangere Frau und die drei Kinder und hatte nur noch ein Ziel: Raus aus dem Irak, rein in die EU. „Meine Kinder sollen in Frieden aufwachsen“, sagt der Kurde.

Seit einem Monat ist die Familie in Sicherheit. Vater Shwan und Mutter Shadan (29) leben jetzt mit ihren zwei Töchtern (11 und 15 Jahre) sowie einem zehnjährigen Sohn und einem Neugeborenen in der Flüchtlings-Notunterkunft auf dem Gelände der Polizeiakademie Münden. „Wir sind so dankbar, dass wir hier sein dürfen“, sagt Kadersherin, der zwar noch kein Wort Deutsch spricht, sich aber mithilfe von Übersetzern in der Notunterkunft verständigen kann.

Wenn er von der 15 Tage langen Flucht erzählt, verfinstert sich sein Gesicht. Denn der 5000 Kilometer lange Weg vom Irak bis nach Südniedersachsen sollte ein Leidensweg werden: „Bis zur serbisch-kroatischen Grenze war es die Hölle“, erinnert er sich.

Im Holzboot über die Ägäis 

Umgerechnet mehr als 18.000 Euro habe er an Schlepper sowie korrupte Polizisten in der Türkei und in Serbien zahlen müssen. Kadersherin vermutet, die Schlepper gehörten zur russischen Mafia.

Für das Geld wurde die Familie mit einem Bus quer durch die Türkei gefahren. Dann bekam sie ein altes Holzboot, um von der Türkei auf dem Meer nach Griechenland überzusetzen sowie Reisedokumente, die sie nach Kroatien führten. Essen, Trinken und ein sicherer Schlafplatz gehörten nicht dazu. „Es waren schlimme Bedingungen, wir mussten alleine vier Tage am Stück auf der Straße schlafen“, erinnert sich Kadersherin. Vor allem die Polizei in der Türkei, Serbien und später auch in der Slowakei sei Flüchtlingen feindselig gegenüber eingestellt. „Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingsfamilien hatten wir großes Glück, dass wir unversehrt blieben.“ Am schlimmsten habe er die permanente Angst empfunden, nicht weiterreisen zu dürfen, an der Grenze abgewiesen zu werden oder gar in die Fänge von Kriminellen zu gelangen.

Mit dem Zug zur Grenze 

In Kroatien angekommen, wurde Familie Kadersherin nach eigenen Angaben mit 100 anderen Flüchtlingen per Bus bis nach Ungarn gebracht. Dort ging es mit einem mit 700 Menschen vollbesetzten Zug bis an die tschechisch-deutsche Grenze. „Die deutsche Polizei hat uns in Empfang genommen und auf direktem Weg nach Hann. Münden gebracht“, sagt er.

Seitdem Familie Kadersherin in der Notunterkunft in Münden angekommen ist, verbringt sie den Tag vor allem mit Warten – seit nun mehr 26 Tagen. Die aus dem Irak stammenden Flüchtlinge, die seit kurzem offiziell als Asylsuchende in der Notunterkunft registriert worden sind, warten auf Post vom Bundesamt für Flüchtlinge und Migration, das über den Asylantrag entscheidet. Wann die Post kommt, weiß niemand so genau. Wie es mit der sechsköpfigen Familie weitergeht, weiß auch niemand.

Während sich Mutter Shadan um den vor zwei Wochen zur Welt gekommenen Sohn Karma kümmert, blickt Vater Shawn schon voraus.

Gerne würde er mit seiner Frau und seinen Kindern langfristig im Landkreis Göttingen bleiben. „Uns gefällt es hier“, sagt er. Zumal er über seinen schon länger in Deutschland lebenden Bruder weiß, dass in Göttingen viele Menschen aus dem Irak leben. „Die Nähe zu unseren Landsleuten würde uns sicher dabei helfen, uns hier schnell zu integrieren.“

Sein Bruder sei es auch gewesen, der ihm geraten hat, nach Deutschland zu flüchten. „Deutschland ist für die Zukunft unserer Kinder das beste Land“, sagt der gelernte Maurer, der am liebsten bald wieder seinen alten Beruf ausüben würde. „Als erstes möchte ich aber schnell Deutsch lernen“, sagt er.

Die schier unendliche Warterei auf die nächsten Entscheidungen des Bundesamtes seien zwar allmählich ermüdend und unbefriedigend. „Das Wichtigste aber ist, dass wir in Sicherheit sind, ein Dach über dem Kopf haben und unsere Kinder ausreichend versorgt sind.“ In seiner Heimat, in der vielerorts bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, sei genau das Gegenteil trauriger Alltag.

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