Betreiber gehen in Rente

Abschied von der Waldgaststätte: Tillyschanze bei Hann. Münden bekommt neuen Wirt

Marlies Scheffel und Reinhold Heck stehen an der Tillyschanze mit Blick auf die historische Innenstadt Hann. Münden
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Behalten auch im Ruhestand diesen Ausblick: Marlies Scheffel und Reinhold Heck geben den Betrieb der Waldgaststätte ab, bleiben dort aber wohnen.

Das Ausflugslokal Tillyschanze bei Hann. Münden bekommt einen neuen Wirt. Die alten Inhaber gehen in den Ruhestand.

Hann. Münden – Nach 26 Jahren geben die Inhaber Reinhold Heck und Marlies Scheffel das Ausflugslokal „Waldgaststätte Tillyschanze“ bei Hann. Münden in jüngere Hände. Mit dem Mündener Thomas Probek ist die Nachfolge gesichert und der Betrieb wird übergangslos weiterlaufen. Am 21.10.2020 wurden die Verträge unterzeichnet.

Reinhold Heck und Marlies Scheffel gehen im Alter von 76 und 79 Jahren in Rente. Sie können nach Absprache mit Nachfolger Probek in ihrer der Gaststätte angrenzenden Wohnung wohnen bleiben. 1994 kauften Monika und Reinhold Heck das Grundstück vom Land Hessen und die Gebäude vom Vorgänger. Als Monika Heck vor 20 Jahren starb, führte Reinhold Heck das Unternehmen alleine weiter. Dabei wird er seit 2001 von seiner jetzigen Verlobten Marlies Scheffel unterstützt.

Waldgaststätte Tillyschanze bei Hann. Münden hatte lange keine Postanschrift

Lange war die Waldgaststätte für eine Besonderheit bekannt: Die Betreiber wohnen im Forstgutsbezirk Reinhardswald, der flächenmäßig zweitgrößten Gemeinde Hessens, im Landkreis Kassel. Zwischen der Waldgaststätte (Hessen) und dem Aussichtsturm Tillyschanze (Niedersachsen) verläuft die Landesgrenze. Bis 2015 hatte die Gemeinde keine Postanschrift und keine Postleitzahl. Die Stadt Hann. Münden sorgte dann dafür, dass die Waldgaststätte mit „Bierweg 1“ eine eigene Anschrift erhielt.

Bis heute wird das kleine Lokal von zahlreichen Wandergruppen besucht, und auch für Familien-, Vereins- und Betriebsfeiern wird es genutzt. Zudem haben Veranstaltungen wie Konzerte, Feste, Lesungen und Märkte in der Vergangenheit zahlreiche Menschen angelockt. Von der Tillyschanze aus bietet sich ein Blick über die historische Innenstadt von Hann. Münden. Und wer noch höher hinaus möchte, kann die Stufen bis in die oberste Turmebene erklimmen.

Seit 1999 bietet die Stadt Hann. Münden die Möglichkeit, Paare im unteren Turmzimmer standesamtlich zu trauen. Nur ein paar Meter vom Tillyschanzen-Turm entfernt, und doch schon auf hessischem Terrain, liegt die Waldgaststätte.

Die Waldgaststätte ist über drei Wege zu Fuß erreichbar. Der direkte und bequemste Weg führt vom Parkplatz des ehemaligen Vereinskrankenhauses dorthin. Etwas unwegsamer ist es, den Weg, ebenfalls vom Parkplatz aus, über die Katerquelle einzuschlagen. Die kürzeste aber auch steilste Strecke ist der Zick-Zack-Weg gegenüber der Fuldabrücke. Dieser Weg wurde von der Schutz- und Fördergemeinschaft Tillyschanze vor einigen Jahren freigelegt.

„Nun nagt der Zahn der Zeit an uns“, sagt Reinhold Heck (76) ganz nüchtern betrachtet. „Und wir haben beschlossen, die Waldgaststätte Tillyschanze abzugeben“. Bislang war es immer sein beliebter Spruch bezüglich des in die Jahre gekommenen Aussichtsturms Tillyschanze zu sagen „dort nagt der Zahn der Zeit“.

Er und seine Verlobte Marlies Scheffel (79) haben in den vergangenen Jahren allerhand auf die Beine gestellt, um die Waldgaststätte zu einem attraktiven Ausflugslokal zu gestalten. Neben Wanderern, Ausflüglern und Feiernden fühlten sich auch Familien mit Kindern und junge Menschen angesprochen.

Sommerfeste mit Kamel- und Eselreiten, Rockkonzerte, Techno-Partys, mittelalterliches Treiben, kleine Weihnachtsmärkten, Dichterlesunge, Schaumpartys und Wildschweingrillen zogen die Besucher an. Eine ganz herausragende Veranstaltung war das Musical „Tanz der Vampire“, erinnert sich Marlies Scheffel. Bei den Veranstaltungen seien es den Tag über verteilt um die 500 Gäste im Durchschnitt gewesen.

Tillyschanze bei Hann. Münden führt das Betreiber-Paar zusammen

Kennengelernt haben sie sich in der Waldgaststätte, als Marlies Scheffel mit Familie und Freunden dort ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, da hat‘s gefunkt zwischen den beiden, „Er hat mich eingefangen und nicht wieder losgelassen“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern. Seit zehn Jahren herrscht eine enge Zusammenarbeit mit der Schutz- und Fördergemeinschaft Tillyschanze. Die hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Aussichtsturm von Grund auf zu sanieren. „Der Turm liegt mir sehr am Herzen und deshalb bin ich froh, dass der Verein mit dem Vorsitzenden Dr. Manfred Albrecht als Motor, so aktiv ist“, sagt Reinhold Heck. So kam er auch auf die Idee, ein Buch über den Turm zu schreiben, mit dem Titel „Der Turm, der den Namen des Henkers trägt.“

Während Reinhold Heck Herr in der Küche war, agierte sie als Hilfsköchin, war für das Kuchenbacken und den Service zuständig. Der Renner waren Bratkartoffeln mit Speck, Zwiebeln und Beilagen. Kuchen wird Marlies Scheffel auch weiterhin für den Nachfolger Thomas Probek backen. Heck und Scheffel sind beide der Meinung, dass es eine sehr schöne, aber auch anstrengende Zeit gewesen ist. Sie hätten sehr viele nette Gäste kennen und schätzen gelernt. Die Arbeit habe immer Spaß gemacht, auch wenn in den Sommermonaten kein Privatleben möglich war. Montags am Ruhetag wurde gleich morgens eingekauft, um nachmittags ein paar Stunden für sich zu haben.

Männergruppe dehnt ihren Aufenthalt in der Tillyschanze bei Hann. Münden einfach aus

Gerne erinnern sich die Wirtsleute an eine kleine Männer-Wandergruppe. Diese kehrte am Nachmittag ein, nur um etwas zu trinken. Dann beschlossen sie, am frühen Abend noch etwas zu essen und zu trinken. Das dehnte sich bis zum späten Abend aus. Dann kam die Frage nach Übernachtungsmöglichkeiten, die in der Waldgaststätte nicht gegeben waren. So legten sich die Männer zum Schlafen in den Biergarten, frühstückten am nächsten Morgen noch ausgiebig, aßen noch zu Mittag und zogen dann erst weiter.

Auch ungebetene Gäste gab es, Wildschweine durchwühlten das Gelände des Nachts. Und ein stattlicher Hirsch wetzte nachts sein Geweih am Lattenzaun, sodass sie davon wach wurden.

Urlaub war immer nur im Februar und November möglich, da ging es beispielsweise nach Föhr, ins Elsass und in die Schweiz. Das wird sich ändern, denn nun kann das Paar mit seinem Hund nach Herzenslust zu jeder Jahreszeit reisen, während Thomas Probek für das Wohl der Gäste sorgen wird. (Petra Siebert)

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