Sie lassen den Ort erzählen

Die App "Bonaforth zuhören" lädt ein, das Dorf mit dem Smartphone zu erkunden

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Per App erkunden: Die roten Punkte auf der Karte zeigen mögliche Routen der aktustischen Wanderung in Bonaforth.

Bonaforth. Unter dem Eisenbahntunnel in Bonaforth sind nicht selten Züge zu hören. Auch in diesem Moment rauschen schwere Waggons über den Köpfen der Passenten hinweg. Oder nicht? Ein Blick nach oben verrät: Es fährt kein Zug auf der Brücke. Alles Illusion.

Der Schlüssel dazu liegt in den Ohrhörern der Bonaforther Besucher. Die Geräusche der Umgebung vermischen sich mit denen einer interaktiven App (einer Smartphone-Anwendung), die per Kopfhörer von Zeit zu Zeit Tonaufnahmen passend zu einem bestimmten Standort im Dorf abspielt.

So sind Realität und Hörspiel kaum zu unterscheiden. Für diese sinnliche Irritation sind Martin Slawig und Elke Utermöhlen verantwortlich. 2018 feiert Bonaforth sein 700-jähriges Bestehen. Zu diesem Jubiläum schenkten die ortsansässigen Künstler ihrer Heimat das interaktive Hörspiel „Bonaforth zuhören“.

Mit Hilfe der App können Einwohner und Besucher von Bonaforth den Ort auf eine neue Weise erleben. „Klänge erzählen genau, wie eine Umgebung gestaltet ist. Auch, ohne zu sehen, können wir sie wahrnehmen“, sagt Elke Utermöhlen. „Das Hörspiel ist keine Dorfchronik und auch kein Tourismusspaziergang“, betont Martin Slawig.

„Bonaforth zuhören“ umfasst rund zwei Stunden Tonmaterial, die an 54 Orten im Dorf erlaufen werden können. Sechs Monate arbeiteten Slawig und Utermöhlen an ihrem Freizeitprojekt.

Die Geräusche wurden in Stereo aufgenommen, das heißt, unterschiedliche Töne auf dem linken und rechten Ohr erzeugen ein räumliches Hörerlebnis. Für das Hörspiel besuchten die Künstler Einrichtungen und Bewohner Bonaforths, führten Interviews und nahmen die Geräusche der Umgebung auf. So hört man an einer Stelle der Feuerwehr bei einer Übung zu, an der nächsten Ecke wartet der Bericht einer 90-jährigen Dorfbewohnerin über ihre Kindheitserinnerungen an den Fährmann. Die älteste Aufnahme ist bereits 20 Jahre alt.

Lautes Plätschern im trockenen Bachbett: Für das Hörspiel nahmen die Künstler auch Unterwassergeräusche auf.

„Wir leben heute im Alltag eher visuell“, so Martin Slawig. „Das Hören kann auf die Wahrnehmung aber einen großen Einfluss haben.“ Man denke nur an die Hintergrundmusik in einem Film, je nach Melodie kann eine Umgebung bedrohlich oder freundlich wirken, sagt er. Mit ihrem Projekt wollen die Künstler dazu ermuntern, sich dieses Sinnes wieder bewusst zu werden.

„Die deutsche Sprache unterscheidet zwischen hören und zuhören“, sagt Elke Utermöhlen. „Zuhören

bedeutet, aktiv und bewusst zu hören.“ Wenn man das tut, so die Künstler, fängt auch ein Dorf an zu erzählen.

So funktioniert die App

Um Bonaforth zuhören zu können, ist es notwendig die App „radio aporee – miniatures for mobiles“ auf einem Smartphone oder Tablet zu installieren. „Bonaforth zuhören“ ist als eines von vielen Angeboten aufgelistet. Es ist ratsam, die Audiodateien des Hörspiels im Umfang von 200 Megabyte vor Beginn der Wanderung herunterzuladen, damit es nicht zu Unterbrechungen im Hörerlebnis kommt. 

Um die Wanderung zu beginnen, wird die App gestartet und die GPS-Funktion des mobilen Gerätes eingeschaltet. Der Nutzer bewegt sich mit Ohrhörern durch Bonaforth. (Im Gegensatz zu Kopfhörern, die das Ohr vollkommen umschließen, isolieren Ohrhörer den Zuhörer nicht von der realen akustischen Umgebung. Das ist laut Künstlern sicherer und erzeugt gleichzeitig eine akustische Illusion.) Auf einer interaktiven Karte kennzeichnen rote Punkte das nächste Hörerlebnis, das automatisch startet, wenn sich der Zuhörer in die Nähe des Punktes begibt. 

Das Hörspiel ist ab sofort verfügbar. Die App ist kostenlos. Vor der Bonaforther Straße 112 ist für kurze Zeit ein freies WLAN eingerichtet worden. Wer kein Smartphone oder Tablet besitzt, kann einen Termin mit den Künstlern vereinbaren und sich eines ihrer Geräte ausleihen. Kontakt: Tel. 05 31/88 69 98 83 oder per Mail an info@blackhole-factory.com

Ein Rundgang erklärt das Hörspiel

Am Sonntag, 9. September, laden die Künstler zusammen mit Ortsbürgermeister Roland Sittig zu einem gemeinsamen Hörspiel-Rundgang durch Bonaforth ein. Treffen ist um 15 Uhr vor dem Haus der Künstler in der Bonaforther Straße 112. 

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