Damals in Münden

Auf der Flucht vor den Nazis - Biografie erinnert an Prof. Dr. Richard Falck

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Das Ehepaar Richard und Olga Falck in Hann. Münden um 1926.

Prof. Richard Falck wurde in Hann. Münden nie ganz vergessen. Seit 1989 erinnert ein Gedenkstein im Forstbotanischen Garten an den Wissenschaftler. Jetzt gibt es eine Biografie.

Erstmals liegt eine umfassende Biografie Falcks vor, die neben dem Familienschicksal vor allem dem Forscher und dessen Grundlagenforschungen für den Holzschutz umfassenden Raum gibt.

Antisemitische Hetze

Während des Ersten Weltkriegs trug Falck durch seine Forschung zu essbaren Pilzen zur Nahrungssicherung bei. Falcks Forschung, die sich auch mit dem Erhalt und Schutz von Hölzern vor Pilzen und Schwämmen befasste, sorgte nicht zuletzt bei der Holzindustrie für großes Interesse. 

Seine Erfolge und nicht zuletzt auch seine demokratische Einstellung hatten aber auch negative Auswirkungen. Studenten und Kollegen der an der Forstakademie, die in Münden nahezu als „Brutstätte“ sich radikalisierender Nationalisten bezeichnet werden kann, standen Falck feindselig gegenüber, vor allem, weil das Ehepaar Falck jüdischen Glaubens war. 

Zwar erhielt Falck unter anderem Unterstützung von Otto Braun, SPD-Mann und preußischer Landwirtschaftsminister und Ministerpräsident, jedoch konnte dies nichts gegen die Boykotte seiner Vorlesungen durch die Studenten und Hetze an der Akademie ausrichten, die sich 1933 intensivierte. 

Dem waren eine weitere Attacke seitens der Forststudenten sowie ein erster Fluchtversuch Falcks und seiner Familie vorausgegangen, der jedoch aufgrund der Bewachung des Falck’schen Hauses durch nationalsozialistisch gesinnte Studenten vereitelt wurde.

Auf der Flucht

Ende März 1933 gelang ihm mit Ehefrau Olga und Tochter Marianne die Flucht über Rom nach Palästina und weiter nach Polen. Am 3. Mai 1933 wurde Falck offiziell beurlaubt.

Sein Assistent Otto Reis und seine Laborantin Käthe Löwenthal hatten weniger Glück: Sie wurden verhaftet und letztlich Opfer des Holocaust.

Doch auch die Falcks waren noch nicht sicher vor der nationalsozialistischen Verfolgung, da verschiedene Verfahren gegen ihn eingeleitet wurden. 1938 erkannte man den Falcks schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Die lokale Presse berichtete ausführlich über den „Schwamm- und Schimmeljuden“.

Der deutsche Überfall auf Polen zwang sie dann zur erneuten Flucht, die sie nun vorübergehend, bis zum Angriff der Wehrmacht, in die Sowjetunion führte. Als die Falcks wieder versuchten, vor der nationalsozialistischen Ideologie zu flüchten, erkrankte Olga und erlag ihrem Leiden 1944.

Im darauffolgenden Jahr schaffte es Richard Falck, unter vielerlei Strapazen, zurück nach Palästina zu gelangen.

Nach dem schweren Schicksalsschlag durch den Tod seiner Ehefrau Olga war dort zumindest die Wiedervereinigung mit seiner Tochter ein Lichtblick.

Wiedergutmachung

Von 1946 bis 1950 arbeitete und forschte Falck in Tiberias sowie Haifa (beides in Israel), bis er 1950 nach Atlanta, USA, ging, wo er bis zu seinem Tod blieb. 1947 wurde das Wiedergutmachungsverfahren eingeleitet, wodurch ihm die Rechte eines emeritierten Professors und damit auch die Bezüge zugesprochen wurden. Diese erhielt er allerdings erst 1954. Ein Jahr später starb Richard Falck.

Die Biografie

Richard Falcks Schicksal ist ein weiteres von vielen der Verfolgten des Nationalsozialismus. Er hatte Glück, sein Assistent nicht. Er half Falck und dessen Familie bei der Flucht, konnte aber selbst nicht entkommen. Das ist nur einer der Aspekte, die Peter-M. Steinsiek herausgefunden hat. 

Die komplette Biografie beinhaltet Falcks Werdegang, seine Zeit in Hann. Münden, seine Flucht und viele weitere Aspekte: „Richard Falck, Mykologe. Lebensweg und Werk eines jüdischen Gelehrten (1873 - 1955)“, Göttinger Fortswissenschaften Band 8, Universitätsverlag Göttingen, 339 Seiten, ISBN 978-3-86395-406-2, 45 Euro. Online unter univerlag.uni-goettingen.de erhältlich.

Von Sarah Schnieder

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