Bauarbeiten am Schäferhof

Auf dem Schäferhof-Gelände entsteht ein Neubaugebiet

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Der alte Schäferhof bestand aus mehreren Gebäudeteilen verschiedener Baujahre.

Auf dem Schäferhof-Gelände am Kattenbühl hat sich in den vergangenen Tagen einiges verändert. Bäume wurden gefällt und das alte Gebäude wird derzeit abgerissen.

Laut Bauplan 055 der Stadt Hann. Münden ist auf dem 3,5 Hektar großen Gelände ein Neubaugebiet vorgesehen, das für Wohngrundstücke und Gewerbe genutzt werden darf. In Verlängerung des Maulbeerwegs an der Straße Am Hainbuchenbrunnen, wird eine neue Straße gebaut. An deren Ende ist ein Sondergebiet für soziale Einrichtungen geplant.

Bauherrin ist Cristina Mackenrodt. Sie habe das Gebiet Anfang des Jahres erworben und bereits etwa 12 Anfragen für Grundstücke vorgemerkt, berichtet sie auf HNA-Anfrage. 26 Grundstücke seien geplant, mit einer Fläche ab 800 Quadratmetern. Ansprechpartner für Interessenten ist die Sparkasse Hann. Münden. Das Geldinstitut freue sich, dass ein privater Investor für das Baugebiet gefunden wurde, sagt Sprecherin Gabriele Schuster. Neubaugebiete wie das Erdbeerfeld in Gimte und nun der Schäferhof lockten neue Familien nach Hann. Münden.

Abriss des alten Schäferhofs

Derzeit sind die Mackenrodts damit beschäftigt, den Rest des alten Schäferhofs abzureißen. Das geschehe in Eigenregie, denn die Familie betreibt ein forstwirtschaftliches Unternehmen in Bonaforth. Im nächsten Schritt werde ein Bauplaner angestellt und die Straße gebaut. Auch dabei wollten sie helfen, soweit sie können. Das Schäferhof-Gelände hat eine lange Geschichte in der Stadt Hann. Münden. Die Stadt bestätigt auf Anfrage, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Auch die Fällung der Bäume auf dem Gelände sei in Absprache mit der Naturschutzbehörde geschehen.

Das Gebäude war teilweise von einer Mauer umgeben.

Von 1990 bis 2018 führte die Caritas im Schäferhof eine Wohneinrichtung für psychisch Kranke. Seit 2014 wurde das Gebäude nur noch zu Verwaltungszwecken genutzt, weil es stark renovierungsbedürftig geworden war.

Der aktuelle Bauplan war aus eben diesem Grund bereits 2006 erstellt, jedoch nicht umgesetzt worden. Statt eines Neubaus hatte die Caritas sich für dezentrale Wohnungen entschieden. Der Bauplan ist auf der Internetseite der Stadt Hann. Münden unter „Rathaus & Politik“ einsehbar.

Ein Ort voller Geheimnisse

Der ehemalige Schäferhof ist ein Ort mit einer langen Geschichte in Hann. Münden, die der Heimatkundler Karl Brethauer in seinem Buch Münden, Band 2 zusammenfasst. Demnach unterhielten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg im 16. Jahrhundert zwei Schäfereien, eine am Hohefeld bei Hermannshagen und eine am Kattenbühl. Aus dieser Zeit stammt der Name Schäferhof, der damals eine Schäferwohnung, eine Stallung, Schafstall und Backhaus umfasste. Einem Briefwechsel zwischen Herzogin Elisabeth und Martin Luther ist zu entnehmen, dass sie ihm Schafskäse vom Schäferhof in Hann. Münden schickte, der als Delikatesse galt. 

Seit 1708 war die Pacht des sogenannten Vorwerks mit dem Postmeisteramt verbunden. Der Schäferhof diente auch als Dienstwohnung für den Revierförster des Königs von Hannover im Staatsforstamt Kattenbühl. 1862 ging der Förster Johann Justus Malzfeld in Pension und kaufte den Schäferhof, wo ein neues Forsthaus erbaut worden war. Malzfeld richtete eine Sommerwirtschaft ein, die später seine Witwe Justine und Töchter Berte und Minna weiterführten. 

Der Schäferhof nach einer Lithografie von Robert Geisler, verlegt um 1870. In dem als Forsthaus errichteten Gebäude befand sich der Ausschank der Familie Malzfeld.

Viele verschiedene Besitzer

Der Ausflugsort wurde in Gästeführern erwähnt und war bei Familien jeden Standes beliebt. 1919 kaufte der Jude Fritz Sammet, Inhaber der Kasseler Firma „Käseweber“, den Schäferhof und betrieb dort Landwirtschaft. Aufgrund der schwierigen Wasserversorgung baute er einen neuen Brunnen und errichtete einen Turm mit elektrischer Pumpe als Wasserreservoir. Das Försterzimmer von Malzfeld blieb bis in die 30er-Jahre erhalten. 

1933 verließ Sammet Deutschland in Richtung USA. Der Schäferhof wurde durch das Finanzamt zwangsverwaltet und an einen Hamburger Fabrikanten versteigert. Ende des Zweiten Weltkrieges wohnten Flüchtlinge im Schäferhof. 1949 waren 24 Bewohner gelistet, 1954 acht Bewohner mit verschiedenen Berufen. 1957 kauften die Borgward Automobil-Werke aus Bremen den Schäferhof, Kurt Milchmann, seit 1954 Verwalter, wurde übernommen. Borgward renovierte und baute für 800 000 DM aus. 100 Beschäftigte der Firma sollten auf einem Campingplatz mit Küche ihren Urlaub verbringen können. 

Nach dem Konkurs von Borgward gab es die Idee ein Sanatorium auf dem Gelände zu einzurichten, die Bundeswehr zeigte Interesse an einem Erholungsheim. 1962 kaufte die Caritas den Schäferhof für 550 000 DM als Mütter-Erholungsheim. Der geschätzte Wert lag damals bei 180 000 DM. Weitere 500 000 DM wurden in Um- und Ausbauten investiert. So lautet Brethauers Bericht. 1990 richtete dann die Caritas ein Heim für seelisch behinderte Menschen ein. 2006 wurde der Bauplan erstellt, der den Abriss des sanierungsbedürftigen Schäferhofs und einen Neubau vorsah. Das war finanziell nicht möglich. 2014 zogen die Klienten und 2018 die Verwaltung aus. Seitdem stand das Gebäude leer.

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