Auszeit und Potenzprobleme

Sabine Wackernagel las in der reformierten Kirche Hann. Münden

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Sabine Wackernagel berichtete bei ihrer Lesung von den Alltäglichkeiten des Lebens.

Vom Sturmtief Sabine ließ sich Hann. Münden nicht beeindrucken, aber von Sabine Wackernagel.

Die Autorin las jetzt in der gut gefüllten Evangelisch-reformierten Kirche an der Burgstraße aus ihrem im vergangenen Jahr erschienen Buch „Abgefahren und mitgehört – Eine Schauspielerin spitzt die Ohren und zitiert Gedichte“.

Die Zuhörer, die auf Einladung des Mündener Kulturrings zu der Lesung gekommen waren, vergnügten sich an dem Sonntagnachmittag sichtlich.

Draußen stürmte es und in der wohlig warmen Kirche ging es um die Alltäglichkeiten des Lebens, die die Autorin vor allem bei Fahrten mit dem Zug zu den Orten erlebte, wo der nächste Theateraufritt oder die nächste Lesung auf sie wartete.

Die Schauspielerin erweist sich dabei nicht nur als aufmerksame Protokollantin der Gespräche, sondern auch als genaue Beobachterin der Szenen. Sie spitzt zu und teilt gerne ihre Einschätzung über das Gehörte und die Menschen. Manch einer mag sich dabei selbst erkennen.

Natürlich geht es auch um eine der großen Plagen unserer Gegenwart, dass sich manche Menschen nicht einen Deut darum scheren, im Smartphone-Gespräch mit Freund oder Freundin alle am eigenen Leben teilnehmen zu lassen.

Immer wieder lautstark und ohne Rücksicht darauf, dass das Erlebte doch keinen der unfreiwilligen Zuhörer in Bus oder Tram interessiert und der unfreiwillige Zeuge sich sehnlichst wünscht, dass das Handy-Netz augenblicklich zusammenbricht.

Sabine Wackernagel, Jahrgang 1947, mit ihrer wunderbaren, den Kirchenraum füllenden Stimme, machte es sichtlich Freude, die Geschehnisse aufzuspießen. Die Bandbreite ihrer Notizen reicht dabei von der perfekt organisierten Mutter, die sich eine Auszeit genommen hat und sich über ihren zu Hause gebliebenen Mann aufregt, weil der die gemeinsamen Kinder einfach Kinder sein lässt, bis zur Klage einer Frau über die Potenzprobleme ihres Ehemanns.

Dabei offenbarte Sabine Wackernagel auch eigene kleine Schwächen, etwa als sie gesteht, dass sie neidisch auf die hohen Schuhe der perfekten Mutter ist.

Die Autorin verbindet die kleinen Geschichten, die sie ebenso gut mit einem Partner als Sketche hätte spielen können, mit Gedichten, unter anderen von Erich Kästner und Ernst Jandl. Aber auch bei Friedrich Schiller findet sie Parallelen zum Erlebten.

Es war eine amüsante kurzweilige Vorlesestunde. Auch dank der Durchsagen der Deutschen Bundesbahn, die Sabine Wackernagel mit ihrem ausgeprägten Sinn für Komik gerne verbreitete, wie bei einem längeren und unfreiwilligen Zwischenstopp auf einer Reise: „Wir warten auf unsere Lokführer. Er kommt mit einem Zug, der leider 30 Minuten Verspätung hat.“

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