16 Monate lernen

Behüter des Korans: Hann. Mündener hat Heilige Schrift auswendig gelernt

Muhammed Emin Demirtas in Hann. Mündens Moschee
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Hat den Koran innerhalb von 16 Monaten auswendig gelernt: Muhammed Emin Demirtas mit dem heiligen Buch der Muslime in Hann. Mündens Moschee.

6666 Verse umfasst der Koran – Muhammed Emin Demirtas aus Hann. Münden kann sie alle auswendig auf Arabisch aufsagen.

Der 21-Jährige hofft, dass er im kommenden Jahr in der Türkei ein Studium der islamischen Philosophie beginnen kann. „16 Monate lang bin ich morgens um 4 Uhr aufgestanden, habe das Morgengebet verrichtet und dann mit dem Auswendiglernen begonnen“, erzählt Demirtas. Dann kann das Gehirn den Stoff am besten aufnehmen, so seine Lehrer im Internat, der Istanbuler Ilksec-Privatschule.

Demirtas lernte das heilige Buch der Muslime nicht von Anfang bis Ende auswendig, sondern zunächst den letzten von insgesamt 30, jeweils 20 Seiten langen Koran-Abschnitten. Dieser Teil enthält die kürzesten Suren (Korankapitel). Dann musste der damals 15-Jährige jeweils die 20. Seite der 30 Abschnitte lernen, dann die 19., dann die 18. und so weiter. „Der Text reimt sich“, berichtet der Koranschüler. Fehler fallen dadurch auf, ähnlich wie falsche Töne in einer Sinfonie. Das half dem jungen Türken, der damals noch kein Arabisch verstand.

Mittags trug er die Seite, die er seit dem Morgen auswendig gelernte hatte, einem Lehrer vor. Blieb er hängen, versprach sich oder musste etwas wiederholen, gab es Minuspunkte. Demirtas kam gut voran. Innerhalb von 16 Monaten eignete er sich den kompletten Text an. Die meisten seiner Mitschüler brauchten dafür 24 Monate. Am Ende legte er eine staatliche Prüfung als Hafiz, als „Behüter“ des Korans, ab. „Im Anschluss studierte ich zwei Jahre lang Hocharabisch und den Islam“, erzählt er. Nun verstand er nach und nach, was er zuvor auswendig gelernt hatte. „Das ist nicht ganz einfach“, berichtet er. Viele arabische Worte haben mehrere Bedeutungen. „Welche Bedeutung die richtige ist, steht in den Tafsir, den Korankommentaren“, erläutert er.

Mit Arabern unterhalten, kann er sich nur eingeschränkt. Diese sprechen in der Regel Dialekte. Hocharabisch wird in den Medien verwendet. „Das verstehe ich allerdings aufgrund der vielen modernen Worte nur zu 60 Prozent“, räumt Demirtas ein.

Mit 19 Jahren kam der junge Mann nach Hann Münden, wo sein Vater seit 2016 Vorbeter der türkischen Gemeinde ist. Demirtas beherrscht gut Deutsch. Er hat von der ersten bis zur fünften Klasse eine deutsche Schule in Stuttgart besucht. Sein Vater war dort damals ebenfalls Vorbeter einer türkischen Gemeinde. Der 21-Jährige hat die vergangenen zwei Jahre lang als Produktionshelfer gearbeitet.

In seiner Freizeit liest er viel. Er interessiert sich für islamische Philosophie. Die Dynastie der Abbasiden, die vom achten bis 13. Jahrhundert das islamische Weltreich regierte, ließ die griechischen Philosophen ins Arabische übersetzen. Mit deren Ideen setzten sich mittelalterliche Gelehrte wie Fachr ad-Din ar-Razi und Abu Hamid Muhammad Ghazali auseinander. Deren Werke verschlingt Demirtas. Ihm gefallen philosophische Fragestellung. Der Islam verbietet zum Beispiel das Lügen. Muss aber ein Muslim einem Mörder den Aufenthaltsort von dessen potentiellen Opfer verraten?

Demirtas hilft seinem Vater in der Moschee, leitet das Gebet, wenn dieser nicht kann. „Außer uns beiden kann in Hann. Münden meines Wissens nach nur noch ein Pakistaner den Koran auswendig aufsagen“, sagt er.

Von Michael Caspar

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