Vortrag und Film „Über-Leben Rebhuhn“ am 9. Februar

Bedrohte Rebhühner in Gefahr: Landwirte und Jäger sind gefragt

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Aktiv für Rebhuhnschutz: Der Biologe Werner Beeke arbeitet seit 2004 am Rebhuhnschutzprojekt im Landkreis Göttingen.

Altkreis Münden. In anderen Regionen ist das Rebhuhn fast verschwunden. Im Landkreis Göttingen ist es durch ein Schutzprojekt gelungen, die Bestände stabil zu halten.

Das Rebhuhn ist aus unserer Landschaft fast verschwunden, im Landkreis Göttingen jedoch ist es durch ein Schutzprojekt gelungen, die Bestände stabil zu halten. Rebhuhnforscher Werner Beeke referiert am Freitag, 9. Februar, ab 19 Uhr in Lippoldshausen im Gasthaus Zur Brücke über das Projekt und zeigt den Film „Über-Leben Rebhuhn“. Der Eintritt ist frei. Wir sprachen vorab mit dem Biologen. 

Herr Beeke, wie ist es um das Rebhuhn bestellt?

Werner Beeke: Nicht gut, es ist stark gefährdet. Europaweit haben die Bestände seit den 1980er Jahren um 94 Prozent abgenommen, in Niedersachsen sind die Bestände von 2009 auf heute allein um über 50 Prozent auf aktuell nur noch 4000 bis 5000 Brutpaare eingebrochen. Wobei sich Südniedersachsen gegen diese Entwicklung stemmt.

Das heißt?

Beeke: Wir haben im Landkreis seit Jahren eine stabile Population von etwa 400 Brutpaaren, mit Schwerpunkt südlich von Göttingen und im unteren Eichsfeld – im Altkreis Münden gibt es immer mal wieder Einzelsichtungen, etwa in der Samtgemeinde Dransfeld. Damit ist Südniedersachsen eine Region im Land, die sich gegen den massiven Rückgang stemmt. Wir sehen den Grund darin, dass wir seit 2005 gemeinsam mit Landwirten als Partnern und der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen als Projektträger Lebensräume aufwerten und rebhuhngerecht gestalten, vor allem durch Blühstreifen und -flächen. Das ist ein echtes Erfolgsmodell.

Was braucht denn das Rebhuhn oder besser: Was fehlt ihm?

Beeke: Das Rebhuhn als Bewohner der offenen Ackerlandschaft schätzt offene, extensive Strukturen. Wir haben daher den sogenannten „strukturierten Blühstreifen“ entwickelt, der gleichermaßen Deckung und Nahrung bietet.

Ein strukturierter Blühsteifen – was ist das?

Beeke: Eine auf Ackerland dünn ausgesäte Mischung an blühenden ein- und mehrjährigen Pflanzen. Nach einem Jahr wird die Hälfte neu angesät, auf der anderen Hälfte bleibt der hoch gewachsene Vorjahresbestand stehen. Das Rebhuhn hat dort quasi Vollpension, also auf einer Fläche direkt nebeneinander Schutz und Deckung sowie Nahrung, weil sich an den blühenden Pflanzen viele Insekten finden. Wichtig ist, dass diese Streifen mindestens zwölf, besser sogar 24 Meter breit sind.

In flächigen Blühstreifen ist der Bruterfolg doppelt so hoch, in schmaleren Streifen dagegen die Gefahr des Gefressenwerdens für Rebhuhn drei Mal größer – schmale Blühstreifen werden zur ökologischen Falle.

Und das bedeutet?

Beeke: Schmale Streifen werden von den vielen Fraßfeindendes Rebhuhns wie Fuchs, Waschbär und Marder systematisch abgesucht – da bekommt eine Henne einfach keine Rebhuhnküken groß. Unsere Studien haben gezeigt, dass fast alle Todesfälle von Hähnen und Hennen auf das Konto von Raubsäugern gehen, oftmals werden sogar die auf dem Nest brütenden Hennen gerissen.

Können nicht einfach Rebhühner zur Ansiedlung ausgesetzt werden, wie erfolgreich beim Uhu und Luchs geschehen?

Beeke: Nein, das bringt nichts, wäre rausgeworfenes Geld und kontraproduktiv. Erst muss der Lebensraum stimmen und sowohl Deckung als auch Nahrungsflächen da sein, sonst sind die ausgesetzten Tiere über kurz oder lang Fuchsfutter. Außerdem würde der Genpool der ja immer wieder auftauchenden heimischen Rebhühner verfälscht, wenn wir ortsfremde Rebhühner aus Volieren oder Wildfängen bei uns aussetzen würden.

Was braucht es dazu also?

Beeke: Es braucht vor allem engagierte Landwirte, die mitmachen, entsprechende rebhuhngerechte Lebensräume zu schaffen und eine Agrarpolitik, die den Landwirt für diesen entgangenen Gewinn entschädigt – die Agrarförderung spielt also eine entscheidende Rolle.

Es braucht Jäger, die sich ihrer traditionellen Rolle und Pflicht als Heger des Niederwildes wieder bewusst werden und die die übergroßen Fuchs- und Waschbärbestände stärker als bisher und revierübergreifend bejagen. Und Umweltverbände, bei denen sich Leute für das Projekt starkmachen.

Gefährdet: Rebhühner brauchen Schutz. Die Bestände sind in Gefahr. Unser Foto zeigt ein wenige Tage altes Rebhuhnküken.

Hintergrund

Das Rebhuhn ist ein typischer Bewohner der offenen Ackerlandschaft. Die Rebhenne sucht gerne Brutplätze in extensiv genutzten Strukturen mit vorjähriger Vegetation. Diese Lebensräume werden aber immer weniger. Die Rebhuhnküken ernähren sich in den ersten Lebenswochen fast ausschließlich von Insekten und Spinnentieren. Zur Brutzeit frisst auch die Rebhenne gerne diese eiweißreiche Nahrung. Das Rebhuhn braucht also Nahrung und Deckung zum Verstecken vor Fraßfeinden.

„Die Landwirte sind gefangen in einem Fördersystem der EU und richten sich nach den politisch vorgegebenen Rahmenbedingungen“, sagt Werner Beeke. Dadurch habe sich in den vergangenen 50 Jahren die Nutzung der Landschaft stark verändert, kleine Felder mit Rüben und Kartoffeln sowie extensive Strukturen sind verschwunden und damit auch die sicheren Brutareale. Das Rebhuhn schätzt niedrig gewachsene Heckenstreifen und extensive Strukturen als Deckung, meidet aber Waldränder und hohe Bäume. 

Im Rebhuhnprojekt setzen die Biologen daher auf sogenannte strukturierte Blühstreifen. Nach einer Pilotphase im Landkreis Göttingen wird das seit 2015 für Landwirte als sogenannte „Agrarumweltmaßnahme BS 12“ auch niedersachsenweit gefördert. „Viel würde auch helfen, wenn Wegraine erst möglichst spät im Jahr gemäht werden, Hecken auf den Stock gesetzt statt nur seitlich beschnitten würden und Hundehalter ihre Tiere vor allem in der Nähe von solchen Blühstreifen konsequent anleinen“, sagt Beeke.

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