18. Oktober 1944

Bombenangriff auf Uschlag: Amerikanische Flugzeuge nahmen Dorf im Zweiten Weltkrieg ins Visier

Bombenangriff auf Uschlag 1944: Das Bild zeigt die Kasseler Straße mit Blick Richtung Nieste. Vom Hof Coss blieben nur noch Trümmer übrig.
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Bombenangriff auf Uschlag 1944: Das Bild zeigt die Kasseler Straße mit Blick Richtung Nieste. Vom Hof Coss blieben nur noch Trümmer übrig.

An den fast täglichen Klang der Sirenen musste man sich im Laufe des Jahres 1944 mehr und mehr gewöhnen. Nachts kamen die britischen Bomberflotten, tagsüber warfen amerikanische Bomber ihre Last meist gezielt auf Verkehrswege, Industriebetriebe und militärische Einrichtungen. Uschlag fiel in keine dieser Kategorien, dennoch wurde dieser Ort am 18. Oktober 1944 schwer getroffen.

Walter Blum, mittlerweile 82 Jahre alt, ist einer der letzten Zeitzeugen, der dieses Ereignis erlebt hat. Schon 1994 konnte er zum 975. Ortsjubiläum Berichte und Unterlagen sammeln, anhand derer sich der Angriff, der nur wenige Minuten dauerte, rekonstruieren lässt. Zunächst ertönten die Sirenen. Menschen suchten Schutz in Kellerräumen oder Deckungsgräben, die mit Brettern und Erdauflagen etwas Schutz vor Druckwellen und Trümmerteilen bieten sollten.

Zumeist Frauen und deren Kinder, ältere Menschen und einige Zwangsarbeiter waren an diesem Mittwochvormittag im Ort, als schlagartig ohrenbetäubender Lärm vom Einschlag der Bomben ertönte. „In der Waschküche im Kellergeschoss unseres Hauses drückte mich meine Mutter schützend in eine Ecke. Unser Haus wurde nicht getroffen“, berichtet Walter Blum.

Doch für rund 20 Anwesen im Ortskern verlief der Angriff nicht so glimpflich. Dem Sprengbombenabwurf folgend, der die Dächer der Häuser abdeckte, fielen Brandbomben. In den Scheunen, in denen Heu und Teile der gerade eingefahrenen Ernte lagerte, fanden sie binnen Minuten reichlich Nahrung.

Frau Ewald handelte geistesgegenwärtig: Sie konnte eine Brandbombe mit einer Schippe aus dem Haus in den Hof befördern, wo sie dann ausbrannte. Es galt, zu retten, was zu retten war: Vieh aus den Ställen treiben, das Nötigste aus Häusern bergen, deren Dachstühle schon in Brand geraten waren. Brandgeruch, herumliegende Trümmerteile, abrutschende Ziegel, in dieses Chaos kam auch Hilfe von außen. So rückte die Feuerwehr aus Landwehrhagen an.

Oft ging es nur noch darum, ein Übergreifen der Brände auf Nachbarhäuser zu verhindern. Mit langen Stangen und Haken wurden brennende Balken von den Fachwerkhäusern heruntergerissen. Unter den Feuerwehrleuten befand sich auch der 44-jährige Landwirt Heinrich Heineck aus Landwehrhagen.

Herabstürzende Trümmer trafen ihn am Kopf, sodass er am Folgetag im Mündener Krankenhaus verstarb. Keine Überlebenschance hatten die Bewohner des Herboldschen Hauses in der Hintergasse. Eine Sprengbombe vernichtete das Haus bis auf die Grundmauern. Hier fanden vier Familienangehörige und im Nachbarhaus eine Person den Tod.

Die Spuren des Krieges sind längst aus dem Ortsbild getilgt, doch wie wichtig es ist, auch diese Erinnerung festzuhalten, mag darin zu erkennen sein, dass die damaligen Zeitungen mit keiner Silbe über dieses Ereignis berichteten.

Von Stefan Schäfer

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