Bücher aus der Region

Briefe nach dem Mauerfall: Lehrerinnen aus Erfurt und Hann. Münden schreiben über ihren Beruf

Die 54. Polytechnische Oberschule in Erfurt um 1990. Foto von Harald Mittelbach aus Festschrift zum 10-jährigen Bestehen der Schule.
+
Die 54. Polytechnische Oberschule in Erfurt um 1990, als Irmtraud Stollewerk Schuldirektorin war. Das Foto von Harald Mittelbach stammt aus der Festschrift zum 10-jährigen Bestehen der Schule und ist im Buch „Reformwillig, aber nicht blauäugig“ abgedruckt.

Das Buch „Reformwillig, aber nicht blauäugig“ erzählt durch Briefe der Erfurter Lehrerin Irmtraud Stollenwerk an eine Hann. Mündenerinvon der Wiedervereinigung aus Lehrerperspektive.

Hann. Münden/Erfurt – Nach dem Mauerfall meldeten sich viele Menschen aus Ost- und Westdeutschland auf Kontaktanzeigen, die in der HNA mehrere Seiten füllten. Sie wollten einander nach Jahrzehnten der Trennung kennenlernen. Aus einem Briefkontakt zweier Lehrerinnen aus Erfurt und Hann. Münden ist nun das Buch „Reformwillig, aber nicht blauäugig“ entstanden, das die Zeit der Wiedervereinigung durch Briefe, biografische Texte, Zeitungsausschnitte und Dokumente auf persönliche Weise erzählt.

Irmtraud Stollenwerk, Autorin des Buchs „Reformwillig, aber nicht blauäugig“. 2018 gestorben.

Autorin ist die ehemalige Schuldirektorin Irmtraud Stollenwerk aus Erfurt. Nachdem sie 2018 gestorben ist, haben ihr Ehemann Jürgen Stollenwerk und ihre Kollegin Dr. Ingrid Seifert das Buch veröffentlicht, das sie als Irmtrauds „Vermächtnis“ bezeichnen. Der Briefkontakt aus Hann. Münden, eine damals 40 Jahre alte Lehrerin am Grotefend-Gymnasium, bleibt im Buch und somit auch in diesem Artikel anonym.

Irmtraud Stollenwerk war zur Zeit der Wiedervereinigung „Schulleiter“ an der 54. Polytechnischen Oberschule (POS) Erfurt. Obwohl sie vom neuen Kultusministerium als „unbedenklich“ eingestuft wurde, wurde sie als Lehrerin an eine Grundschule versetzt. Viele Lehrkräfte seien an neue Schulen und in neue Positionen versetzt worden, ohne dass eine nachvollziehbare Begründung vorgelegt wurde, erzählt ihr Ehemann.

Nach dem Mauerfall: Viele Lehrer in Ostdeutschland verloren ihre Jobs

Bei der Wiedervereinigung übernahm Ostdeutschland das westdeutsche Bildungssystem, wie Dr. Ingrid Seifert berichtet. Aus der POS mit den Klassen eins bis zehn und der Möglichkeit auf ein Abitur nach zwei weiteren Jahren an der Erweiterten Oberschule (EOS) wurden Grund-, Haupt- und Realschule sowie Gymnasium. Mittagessen in der Schule und eine Nachmittagsbetreuung fielen weg, Mütter im Osten gaben deshalb oft ihren Ganztagsjob auf.

Während dieses Wandels begann der Briefwechsel zwischen der Erfurter Lehrerin und der Lehrerin am Grotefend-Gymnasium. „Alle hatten Verwandte im Osten, die sie wiedertreffen konnten, wir hatten niemanden“, erinnert sich die heute 70-jährige Mündenerin. Aus einer Anzeige in der HNA hatte die Lehrerin für Kunst und Werte und Normen nach einem Kontakt im gleichen Alter und mit gleichem Beruf gesucht. „Die Auswahl war groß, über mehrere Wochen. Es fing mit einer Seite an und am Ende waren es drei, vier Seiten voller Kontaktanzeigen.“ Im Briefwechsel mit ihrer ostdeutschen Berufskollegin habe sie gemerkt, wie emotional die Ereignisse waren. „Ich habe immer wieder gefragt: Wie kannst du das so sachlich schreiben?“ Im Westen habe sich nicht viel verändert, umso wichtiger sei der Briefkontakt gewesen.

Jürgen Stollenwerk, Herausgeber und Textbearbeiter von „Reformwillig, aber nicht blauäugig“.

„Im Osten ist das Verhältnis zur Wiedervereinigung zwiespältig, weil vieles schiefgelaufen ist“, sagt Jürgen Stollenwerk. Mit den jüngeren Generationen könne sich das ändern. Die erste Version des Vorworts sei daher zunächst „scharf formuliert“ gewesen und hätte sich an die damaligen Bildungspolitiker gerichtet, sagt Dr. Ingrid Seifert. Doch für diese Kritik sei nun zu viel Zeit vergangen. Stattdessen sollten sich die Leser aus der Geschichte von Irmtraud Stollenwerk ein eigenes Bild machen. Für die Mündenerin ist es „ein authentisches Dokument der Wendezeit, die man auf westlicher Seite so überhaupt nicht mitbekommen hat.“

Erinnerungen an berufliche Veränderungen nach der Wiedervereinigung

Im Gespräch über das Buch von Irmtraud Stollenwerk berichten Dr. Ingrid Seifert, damals Lehrerin in Erfurt, und Irmtraud Stollenwerks Briefkontakt aus Hann. Münden, damals Lehrerin am Grotefend-Gymnasium Münden (GGM), sowie Jürgen Stollenwerk, wie sie die Wende erlebt haben.

Das GGM habe schnell eine Gruppe ostdeutscher Lehrer aus Heiligenstadt empfangen, um sich auszutauschen, so die Mündenerin. „Wir haben uns gefragt, wie sie diese Aufgabe stemmen sollen.“ Im Westen habe sich kaum etwas im Schulalltag verändert. „Das Kollegium wurde schnell durchmischt. Ich hatte später einen Rektor aus dem Osten.“ Bei den Schülern habe es sich anders verhalten. „Sie haben mindestens zehn Jahre gut verborgen, dass sie aus dem Osten kamen.“ So hätten sich in den Pausen Gruppen aus Ost- und Westschülern gebildet, in denen die jeweiligen Dialekte gesprochen wurden, im Unterricht wurde aber von allen Hochdeutsch gesprochen.

Dr. Ingrid Seifert, Textbearbeiterin von „Reformwillig, aber nicht blauäugig“.

„Irmtraud hatte die Ganztagsschule favorisiert“, erinnert sich ihre Kollegin Dr. Seifert an die Zeit der Neustrukturierung des Bildungssystems. Nachmittagsbetreuung sei damals im Westen kaum vorhanden gewesen, weil die meisten Mütter dort nachmittags zu Hause gewesen seien. Im Osten hingegen sei sie dringend benötig worden. Deshalb sei die Übernahme des westlichen Schulmodells eine voreilige Entscheidung gewesen, finden Jürgen Stollenwerk und Dr. Seifert. Denn heutzutage würden bundesweit Ganztagsschulen, Nachmittagsbetreuung und Gesamtschulen nachgefragt. „Heute ist die Schule von Irmtraud wieder eine Gemeinschaftsschule mit den Klassen eins bis zehn“, sagt Dr. Seifert.

Sie selbst hat laut eigenen Angaben zwei Jahre mit Irmtraud Stollenwerk an einer Schule gearbeitet und zur Wiedervereinigung an der Pädagogischen Hochschule studiert. Dort habe sie dann bei der Neustrukturierung der Lehrerausbildung geholfen, was sie heute als „guten Aufbruch“ und „Glücksfall“ bewertet. Ihre Erfahrung ist also nicht so negativ behaftet wie die von Irmtraud Stollenwerk.

Die Wiedervereinigung war auch für Jürgen Stollenwerk eine Zeit der Veränderung, wie er berichtet. Er habe als Bauingenieur im Bau- und Montagekombinat Erfurt gearbeitet, wo nach dem Mauerfall viele Mitarbeiter entlassen worden seien. Er habe frühzeitig den Arbeitsplatz gewechselt und dann eine kleinere Baufirma mitaufgebaut. „Die Leute mussten sich an das kapitalistische System gewöhnen“, erinnert er sich. Der Wettbewerb mit der Konkurrenz und der Druck, die Firma finanziell am Laufen zu halten, seien neue Erfahrungen für ihn gewesen. „Wenn man die Briefe liest, wird einem klar, warum die politische Entwicklung im Osten heute so ist, wie sie ist. Da gibt es einiges an Klärungsbedarf“, sagt die Mündener Briefpartnerin. (Kim Henneking)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.