Mehrere Kritikpunkte

Schulen in Niedersachsen starten in den Wechselunterricht: „Die Angst vor Ansteckung ist groß“

Ein Schüler eines Kurses der Oberstufe sitzt mit Mund-Nasen-Bedeckung in einem Klassenraum (Symbolbild).
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Ein Schüler eines Kurses der Oberstufe sitzt mit Mund-Nasen-Bedeckung in einem Klassenraum (Symbolbild).

In Niedersachsen starten am Montag (15.03.2021) die weiterführenden Schulen in den Wechselunterricht. Vonseiten der Lehrkräfte gibt es aber Kritik in mehreren Bereichen.

Hann. Münden – Am heutigen Montag starten in Niedersachsen die weiterführenden Schulen in den Wechselunterricht. Dass noch nicht alle Lehrkräfte geimpft wurden, stößt auf Kritik. Wir sprachen mit Jörg Uhlig, Schulbezirkspersonalrat und Mitglied im Philologenverband Niedersachsen.

Herr Uhlig, die weiterführenden Schulen starten wieder im Wechselunterricht. Die Lehrer sind aber noch nicht alle geimpft. Was halten Sie davon?
Für den Schutz der Kollegen, der Schüler und anderer Beschäftigter müsste viel mehr getan werden. Das umfasst Impfungen und Tests. Ein Beispiel: Jemand mit Kurzfächern hat 160 verschiedene Schüler. Dahinter stehen 160 verschiedene Haushalte, mit denen die oder derjenige relativ lange Zeit in einem geschlossenen Raum zusammen ist. Nicht in allen Schulen kann gut gelüftet werden. Es gibt Kollegen, die zu Risikogruppen gehören und überlegen, ob sie vielleicht wieder ins Homeoffice gehen, wenn sie nicht bald geimpft werden. Die Angst vor Ansteckung ist groß. Die Schülerbeförderung halte ich auch für sehr problematisch.
Warum?
Dort kommen Schüler aus verschiedenen Schulen zusammen und es ist auf engem Raum schwierig, Abstandsregeln einzuhalten.
Was hätte anders laufen müssen?
Im Sommer hätte man anfangen müssen. Klar ist aber: Für die Schüler ist die aktuelle Situation auf Dauer kaum zu ertragen. Es ist dringend nötig für die Schüler, dass sie wieder in die Schule kommen, egal ob im Szenario A oder B. Dann muss aber für den höchst möglichen Schutz gesorgt werden. Viele Schüler haben derzeit Schwierigkeiten, darunter auch mit der Technik.
Welche sind das?
Videokonferenzen funktionieren zwar an vielen Schulen. Oft wird aber der Bildschirm ausgeschaltet. Das ist also eine Audiokonferenz mit Chat. Dabei gehen Dinge verloren. Manche Elternhäuser haben mehr als ein Kind. Wenn zu Beginn der ersten Stunde alle gleichzeitig anfangen, heißt das, dass drei Kinder drei Endgeräte benötigen. Es gibt für Schüler Möglichkeiten, sich Geräte auszuleihen. Der Landkreis hat hier etwas getan. Manche Eltern beantragen das aber nicht.
Wie sieht es bei der Ausstattung der Lehrkräfte mit Endgeräten aus?
Außer schönen Worten ist eigentlich in der Schule noch nichts angekommen. Kollegen fragen oft, wann endlich etwas kommen wird. Sie müssen deshalb weiter mit ihren Privatgeräten arbeiten und diese selbst bezahlen. Das sorgt für Verdruss.
Hat Corona die Digitalisierung nicht vorangebracht?
Doch, aber es zeigen sich jetzt die Mängel, die seit Jahren bestehen. Unser Verband hat immer wieder darauf hingewiesen, dass in dem Bereich unbedingt etwas getan werden muss. Die Gymnasien stehen noch relativ gut da. Bei anderen Schulformen sieht es noch ganz anders aus.
Wo genau liegen die Probleme?
Irgendwo hakt es immer. Das ist aber von Schule zu Schule unterschiedlich. Wir haben Schulen im Landkreis, da läuft das hervorragend. Das hängt aber zum Beispiel an Firmen, die bei der Ausstattung einiger Schulen mit Sponsoring geholfen haben. Bei kleineren Schulen, wie den Grundschulen, kann es schwieriger sein. Diese Ausstattung liegt schließlich beim Schulträger. Die Weiterbildung der Lehrer im Bereich Digitalisierung ging zudem lange Zeit sehr langsam voran.
Gibt es in dem Bereich mittlerweile Fortschritte?
Es gibt sehr viele Fortbildungsangebote, auch online. Oft nimmt aber das Unterrichtsgeschehen so in Anspruch, dass dafür wenig Zeit bleibt. Und bei der Vielzahl der Angebote fehlt die Übersicht. Zudem besteht zu wenig Einheitlichkeit. Es gibt im Land sehr viele Lernplattformen, die genutzt werden. An den Schulen, an denen Digitalisierung gut funktioniert, liegt das oft an viel Eigeninitiative von Kollegen. Der Datenschutz ist auch ein schwieriges Thema.
Inwiefern?
Wir hatten bis zum Frühjahr 2020 sehr viele Vorschriften. Plötzlich hieß es vom Kultusminister: „Macht mal.“ Es wurden Videokonferenzen gefordert, möglichst mit Streaming, damit alle teilnehmen können. Es gibt aber Fälle, bei denen Eltern anrufen, die nicht wollen, dass ihr Kind per Video übertragen wird. Das sorgt für Verunsicherung in den Kollegien.
Wie ist der Stand bei den Tests auf das Coronavirus in den Schulen?
Ich habe noch keine Idee, wie das praktisch umgesetzt werden soll. Auch das Kultusministerium, das einen Probelauf vor Ostern machen möchte, hat meiner Ansicht nach noch keinen genauen Plan, wie das großflächig gemacht werden soll.
Was halten Sie von Unterricht am Sonnabend oder in den Ferien, um Inhalte nachzuholen?
Die Frage ist doch, wie oft man das machen müsste, um alles nachzuholen. Ein Großteil der Lehrkräfte ist bereits am Belastungslimit. Es kommen Mails und Telefongespräche noch nach 22 Uhr. Kollegen sind in Abschlussklassen im Präsenzunterricht und beschulen wieder andere Gruppen im Distanzunterricht.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Dieses Virus muss möglichst schnell in den Griff gebracht werden. Wahrscheinlich geht das hauptsächlich über die Impfung. Es ist richtig, dass die Grundschullehrer, die bereits im Präsenzunterricht sind, jetzt geimpft werden. Man muss aber auch an alle anderen denken. Es hilft nicht, wenn wir Lehrer uns anstecken und dann der Unterricht ausfällt.

(Thomas Schlenz)

Der Inzidenzwert ist in den vergangenen Tagen in Niedersachsen angestiegen.

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