Angebote eingeschränkt

Coronavirus: Jugendarbeit in Ausnahmezeiten

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Hier sollten bald Seminare und Vorträge stattfinden: Nach dem Umzug ins Kulturlazarett muss die Jugendhilfe, hier Mitgeschäftsführerin Jutta Lieb, damit wegen der Coronabeschränkungen warten.

Freizeiten werden verschoben, Workshops abgesagt – auch in der Jugendarbeit und -hilfe machen sich die Beschränkungen der Coronakrise bemerkbar. Wir geben einen Einblick.

Der Landesjugendring Niedersachsen warnt: „Ohne kurzfristige Unterstützung in der Pandemie stehen viele Jugendbildungsstätten und Angebote der Jugendarbeit vor dem Aus“. Weil die gemeinnützigen Träger finanziell in der Luft hingen, fordert er einen Rettungsschirm für die Jugendarbeit.

Auch in Hann. Münden bei der Jugendhilfe hat sich seit Ausbruch der Pandemie einiges geändert. Vor dem Aus steht die Einrichtung allerdings nicht, wie die beiden Geschäftsführerinnen der gemeinnützigen GmbH, Jutta Lieb und Annett Kruse, im Gespräch sagen.

„Wir hatten nach dem Umzug ins Kulturlazarett geplant, Fortbildungen zu starten und damit auch Einnahmen zu erzielen“, sagt Lieb. Auf die müssen sie vorerst verzichten – alle Workshops und Seminare sind abgesagt. „Wir hatten tolle Dozenten, die waren alle motiviert“, sagt Lieb. Für sie sei die Lage schwieriger.

Bezahlen können sie die oft selbstständigen Dozenten erst mal nicht. An Stornofristen könnten sie sich größtenteils aber halten. Ausflüge sind vorerst auf den Herbst verschoben. Da sich die Gastgeber kulant verhielten, was die Stornierung oder Verschiebung anbelangt, sei das auch noch kein finanzielles Problem.

Anstatt in Gruppen findet die ambulante und teils stationäre Betreuung der über 20 Kinder und Jugendlichen nun in Einzel- und Elternarbeit statt. Auch die Mitarbeiter aus der Risikogruppe seien bereit, weiter zu arbeiten.

Lieb und Kruse sind optimistisch. „Uns ist bewusst, dass Jugendhilfe gerade sehr wichtig für Familien ist“, sagen sie. Sie wünschen sich, dass auch die Arbeit der Jugendhilfe in diesen Zeiten wertgeschätzt werde und „mit Applaus bedacht wird“.

Haus Tannenkamp weiter geöffnet

Dass das Haus Tannenkamp weiter geöffnet bleibt, findet Geschäftsführer Thorben Düvel völlig berechtigt, aber auch eine große Herausforderung. 70 Kinder und Jugendliche wohnen im Haus Tannenkamp in Wohngruppen mit meist acht Kindern. Bereut werden sie von 50 Erziehern und Sozialarbeitern 24 Stunden im Schichtdienst. 

Doch die Coronasituation bedeutet auch für das Heim ein Umdenken: „Wir müssen das hinbekommen, weil wir keine Wahl haben.“ In manchen Bereichen klappt das, in anderen sei es schwierig. Die Abstandsregeln von eineinhalb Metern zum Beispiel lassen die räumlichen Gegebenheiten nicht immer zu. „Unsere Flure sind ja nicht so breit und wir haben auch keine anderen Räume“, erklärt Düvel. 

Im Haus Tannenkamp in Hann. Münden wohnen derzeit 70 Kinder aus einem Umkreis von 150 Kilometern. 50 Erzieher und Sozialarbeiter kümmern sich um sie.

Und auch für die Bewohner sei das nicht einfach. „Umso jünger die Kinder, umso unwahrscheinlicher ist eine dauerhafte Einhaltung.“ Weil Schulen geschlossen sind, haben auch die Betreuer mehr zu tun. „Sechs Stunden zusätzlich, jeden Tag“, sagt Düvel, der für seine Mitarbeiter Stunden aufgestockt und zwei zusätzlich eingestellt hat. Überstunden bleiben da nicht aus. Und auch der Schulersatzplan sei eine Herausforderung, weil in einer Wohngruppe durchschnittlich bis zu vier Jahrgänge zusammen lernen – mit unterschiedlichen Voraussetzungen. 

Auch beim Thema Schutzkleidung klafft eine Lücke zwischen dem Idealzustand und der Realität. „Wir haben die Vorgabe von der Heimaufsicht, Schutzkleidung zu bevorraten“, erklärt Düvel. „Ich hätte gern welche, aber woher?“. Die Freizeiten im Sommer stehen nun auf der Kippe. „Wir müssen kurzfristig planen und reagieren“, so Düvel. 

Die finanzielle Situation des Heims sei stabil und gesichert. Das Haus bezieht seine Einnahmen durch die Jugendämter, die die Unterbringung der Kinder und Jugendlichen veranlassen. Dafür gebe es verhandelte Betreuungsbeträge, erklärt Düvel. Da das Haus ausschließlich stationär betreut, müsse das Heim keine Zahlungsausfälle befürchten. Anders sehe das in manchen ambulanten Stellen aus, die wegen einer Schließung auch keine Zahlung mehr bekämen.

Jugendherbergen bangen um Existenz

Besonders hart trifft die Krise die Jugendherbergen. So wie alle 23 Häuser im Landesverband sind auch die in Göttingen und Hann. Münden bis zum 6. Mai geschlossen. „Wir wären jetzt in der Hauptsaison für Klassenfahrten“, sagt Sprecherin Miriam Müller. Doch bis September fielen sowieso alle Fahrten von Schulen aus, manche seien schon bis Ende des Jahres storniert. 

„Unser Kerngeschäft ist weg“, sagt Müller. In den ersten Tagen nach der Schließung sind laut dem Landesverband schon Übernachtungen in siebenstelliger Höhe storniert worden – das bedeute mehrere Millionen Euro Umsatzeinbußen. Die Lage sei desaströs, sagt auch Müller und beschreibt das Problem: Als gemeinnützige Vereine der freien Jugendhilfe würden die Herbergen ihre Gewinne sofort reinvestieren, in die Gebäude beispielsweise. „Wir sind mit unserer Geschäftsform nicht in der Lage, Rücklagen zu bilden“. 

Durch das Netz der Rettungsprogramme falle die Jugendhilfe momentan durch. „Wir sind ja kein normales Hotelgewerbe“, so Müller. Deshalb sei der Landesverband in Kontakt mit den Ministerien, um auf ihre Lage hinzuweisen. Außerdem gibt es bundesweit eine Online-Petition auf der Internetseite change.org, die man unter zu.hna.de/petition2304 findet. Trotzdem müssten die Häuser gewartet, regelmäßig Wasserhähne aufgedreht und die Außenanlagen gepflegt werden. Eine Idee gibt es aber für die leer stehenden Zimmer: „Wir bemühen uns um nicht touristische Gäste“, sagt Müller. Darunter fallen Familien aus Frauenhäusern, Obdachlose und Erntehelfer. In Hannover sei das schon gelungen. Dieses Jahr feiern die Jugendherbergen ihren 111. Geburtstag. 

Die rund 300 Mitarbeiter im Landesverband sind nun alle in Kurzarbeit. 2019 hat der Landesverband Hannover 380 000 Übernachtungen verzeichnet, das ergibt einen Jahresumsatz von 16 Millionen Euro.

Stadtjugendring will in Krise helfen

Die eigentliche Jugendarbeit liegt brach, sagt Frank Stryga, Vorsitzender des Stadtjugendrings. Der Verein hat seine Mitgliederversammlung und die Vorstandssitzung abgesagt. „Bisher gibt es ja keine Perspektive, wann wir mit was wieder einsteigen können“, so Stryga. 

Trotzdem seien die Mitarbeiter haupt- und ehrenamtlich weiter aktiv. Das Geschwister-Scholl-Haus ist geschlossen, das Büro sei aber besetzt, sagt Stryga. Er findet es wichtig, Mitglieder auch in der Krise weiter anzusprechen. Anstatt nur Absagen zu erteilen, müsse es auch etwas Positives geben. Neben vielen Hilfsangeboten (siehe rechts) gebe es seit dieser Woche in der Cafeteria einen Mittagstisch zum Abholen. Auch finanzielle Hilfe für Mitgliedsverbände ist angedacht. Fahrten und Freizeiten, wie der Austausch mit den Partnerstädten seien auf Eis gelegt. Die geplante Reise ins französische Suresnes im Juli habe Frankreich abgesagt, und auch der israelische Besuch kommt nicht. 

Ob die Fahrt nach Israel im Herbst stattfinden kann, ist unklar. „Wenn es noch eine Möglichkeit gibt, dann wären beide Seiten dabei“, sagt Stryga. Finanziell habe der Verein noch keine Probleme, bisher. „Wir können auf Zeit setzen“, sagt der Vorsitzende. Und noch etwas lässt ihn hoffen: die in diesen Zeiten gewachsene Solidarität.

Hilfe für Kinder und Jugendliche

  • Diakonisches Werk Münden, montags bis freitags 9 bis 12 Uhr und montags bis donnerstags 14 bis 16 Uhr. Tel. 0 55 41/98 19 15. 
  • Familienzentrum Hann. Münden, montags bis freitags 11 bis 14 Uhr, Tel. 0 15 73/5 29 64 59. 
  • Awo Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, montags bis donnerstags 9 bis 12 Uhr, montags und dienstags außerdem 14 bis 16 Uhr. Tel. 0 55 41/7 31 31. 
  • Kinder- und Jugendbüro, montags bis freitags 10 bis 13 Uhr, Tel. 0 55 41/7 52 99. 
  • Auch im Internet gibt es Hilfe: Auf der Seite bke-beratung.de finden Jugendliche von 14 bis 21 Jahren und Eltern mit Kindern bis zum 21. Lebensjahr ein individuelles Online-Beratungsangebot, anonym, kostenfrei und datensicher

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