Günstige Lebensmittel für Arbeiter

Damals in Münden: Die Stadt im Wandel der Industrialisierung

Die Häuser „Lange Straße“ 15 und 17 um 1900. Rechts entstand, nach der ersten Verkaufsstelle des Konsums in der Ritterstraße, die zweite Verkaufsstelle in der Altstadt. Im linken Haus befand sich das Büro und im Steinwerk im Hinterhof das Warenlager.
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Die Häuser „Lange Straße“ 15 und 17 um 1900. Rechts entstand, nach der ersten Verkaufsstelle des Konsums in der Ritterstraße, die zweite Verkaufsstelle in der Altstadt. Im linken Haus befand sich das Büro und im Steinwerk im Hinterhof das Warenlager.

Im 19. Jahrhundert veränderte die Industrialisierung ganz Europa. Unzählige Menschen drängten vom Land in die Stadt – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Oft folgte auf die Hoffnung jedoch schnell eine bittere Realität.

Hann. Münden – Die Verdienstmöglichkeiten in den Fabriken der Städte waren nicht gut und die Lebensumstände in den billig vermieteten Kasernen noch schlechter. Hinzu kam die schlechte Versorgungslage mit Lebensmitteln. Um dem entgegenzuwirken, schlossen sich vorwiegend Arbeiter zusammen, um ihre Lage zu verbessern. Daraus entstanden die sogenannten Konsumvereine. Auch in Münden kam es 1908 zur Gründung eines solchen Vereins. Genossenschaftlich organisiert kauften die Konsumvereine Lebensmittel in großen Mengen an und gaben diese – mit wenig Aufpreis – an die Vereinsmitglieder ab.

Am Ende des Geschäftsjahres erhielt jedes Vereinsmitglied einen Teil des so entstandenen Gewinns wieder ausgezahlt, je nachdem, wie viel er über das Jahr dort eingekauft hatte. Weil es beim Konsumverein Lebensmittel und Haushaltswaren günstiger gab als im regulären Einzelhandel, beäugte dieser das Treiben der Vereine kritisch. Münden bildete da keine Ausnahme.

Die ansässigen Händler waren der Ansicht, dass Münden keinen Konsumverein brauchte. Die hiesigen Kaufleute seien gut situiert und verdienten genug, dass sie „alle Vorteile des baren und Massen-Einkaufs der Kundschaft zu Gute kommen lassen“ würden, war damals im Mündener Tageblatt zu lesen, auf dessen Seiten ein wahrer Leserbrief-Krieg entbrannte.

Das sahen die Befürworter des Konsums anders: Diese Vorteile kämen lediglich dem Händler zugute, der so noch besser in seine eigene Tasche wirtschaften könne. Das war aber noch nicht das Ende der Vorwürfe. Einer der schwerwiegendsten war, dass Konsumvereine dazu beitragen würden, die Arbeiterklasse von allen anderen abzugrenzen und so den Klassenhass zu schüren. Es ging sogar so weit, dass die Konsum-Gegner der Mündener Sozialdemokratie vorwarfen, den Konsumverein zu benutzen, um den Mittelstand zu vernichten. Diese Vorwürfe fußten unter anderem auf der Tatsache, dass der Vorsitz des Konsumvereins aus führenden Mündener SPD-Mitgliedern bestand, unter anderem dem Ortsvereinsvorsitzenden und späteren SPD-Senator Wilhelm Meyer.

Die Konsumbefürworter geizten ihrerseits nicht mit Anschuldigungen – beispielsweise, dass die Kaufleute die Kluft zwischen den Klassen durch ihr Wahlverhalten selbst herbeigeführt hätten. Sie sollten lieber streikende Arbeiter unterstützen und die Fabrikbesitzer zu höheren Löhnen drängen, sodass die Kaufkraft steige. Davon würde schließlich auch der Einzelhandel profitieren.

Wenngleich das Wortgefecht via Zeitung sehr hitzig verlief, änderte es doch nichts an der weiteren Entwicklung – weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Der Konsumverein, blieb seinem Werk treu. Bis zum Ersten Weltkrieg kamen zu der ersten Geschäftsstelle in der Ritterstraße noch zwei weitere dazu. Von da an konnten die Mündener Konsumenten auch in der Unteren Langen Straße und der Hedemündener Straße günstige Lebensmittel kaufen, was für sie angesichts der schwierigen Zeiten sicherlich eine große Hilfe war. (Sarah Schnieder)

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