„Förmlich vom Staub überschüttet“

Damals in Münden: Zustand der Bahnhofstraße sorgte für Beschwerden

Die obere Bahnhofstraße stadteinwärts um 1889, weiß verputzt das Haus Nr. 39.
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Die obere Bahnhofstraße stadteinwärts um 1889, weiß verputzt das Haus Nr. 39. Es wurde 1883 erbaut. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges befand sich hier das Mädchenpensionat von Fräulein Emilie Pfannekuchen.

Nicht immer war die Bahnhofstraße, die, wie der Name schon sagt, die Verbindung vom Bahnhof zur Innenstadt Hann. Mündens ist, so gut ausgebaut, breit und geteert.

Hann. Münden – Einerseits, weil zunächst noch die alte Stadtmauer den Weg der Bahnhofstraße kreuzte, andererseits weil der Zustand der Straße bei vielen Mündenern für Unmut sorgte. Doch warum war das so?

Als die Hannoversche Südbahn Mitte der 1850er Jahre Bahnlinien von Göttingen nach Kassel baute, entschied man sich für einen weiten Bogen um die Stadt auf einer Höhenlinie, die rund 20 Meter über der Altstadt lag. Der Adhäsionsantrieb von Rad und Schiene bedeutet noch heute, das Gefälle und Steigungen nach Möglichkeit umfahren werden.

So lagen vielerorts die Bahnhöfe weit vor den Toren der Siedlungen und es brauchte natürlich eine Verbindung vom Bahnhof in die Stadt. Die erste Bahnhofstraße, heute die Straße „Am Feuerteich“, bewältigt den Anstieg zum Bahnhof durch eine Dammschüttung.

Die Bahnhofstraße wurde 1873 angelegt

Wer also ab 1854 zum Bahnhof wollte, musste zunächst durch das Obere Tor und dann auf dem Weg zum Bahnhof an den Feuerteichen vorbei. Die Bahnhofstraße, wie wir sie heute kennen, ist 1873 angelegt worden.

Zunächst war aber eine Anbindung an die Burgstraße notwendig, deren Bauzeile geschlossen war. Dafür mussten 1866 zwei Fachwerkhäuser weichen. Befestigt war der Weg zunächst mit Basaltschotter. So weit, so gut.

Dieser Zustand bestand bis 1889. Das war problematisch, weil praktisch jedes Wetter zu einem anderen Missstand für Passanten führen konnte. Das heißt: Bei Regen verwandelte sich die geschotterte Bahnhofstraße aufgrund der fehlenden Befestigung in eine Schlammbahn, bei Trockenheit hing Staub in der Luft und, für die Mündener viel schlimmer, an der Kleidung.

Ein Ärgernis bei jedem Wetter

Im Sommer 1885 hieß es in den Mündenschen Nachrichten: „Sollte es nicht möglich sein, Einrichtungen zu treffen, welche verhindern, dass die Passanten der Bahnhofstraße namentlich vor Abgang und nach Ankunft der Eisenbahnzüge förmlich mit Staub überschüttet werden?“

Im Folgejahr beschwerte sich dann auch ein Mündener schriftlich über das andere Extrem: „Die neue Bahnhofstraße befindet sich augenblicklich wieder in einem solch schauderhaften Zustande, daß dieselbe einem Sumpfe ähnlicher sieht wie einer Straße, die den größten Verkehr auszuhalten hat.“ Die Straße war also nahezu bei jedem Wetter ein Ärgernis.

Wenigstens gab es aber bereits Gehwege. Allerdings genossen auch sie keinen besseren Ruf, da diese bei Regen ebenfalls „fast nicht zu passieren“ und die gegenüberliegende Gehwegseite „über die mit Schlamm und Dreck überdeckte Straße“ zu erreichen war.

Bauboom zwischen 1880 und 1900

Sorgen machten sich die Mündener auch über den Eindruck, den das bei Reisenden hinterlassen könnte. „Eine Straße, die den Bahnhof mit der Stadt verbindet“, schrieb ein Mündener, „die als Entree von Münden gilt, die für jeden Fremden maßgebend ist in Fällung eines Urteils über unsere Stadt, muß als Straße besonders berücksichtigt werden.“

Er scheint den Zustand der Straße fast als Beleidigung aufgefasst zu haben, denn sie sei „allen Leuten, die dieselbe passierten, in einem Zustande gezeigt, der der hohen Intelligenz der Mündener Bevölkerung, der großen Industrie unserer Stadt, dem lobenswerten Anstreben, die Reize unserer Gegend den Sommerfrischlern immer mehr und mehr zugänglich zu machen und den Fremdenverkehr zu heben, durchaus nicht entspricht.“

Beweis dafür sei die Tatsache, dass einige Passanten lieber umkehrten, als die Straße weiter entlang zu gehen. In den Jahren zwischen 1880 und 1900 setzte dann ein wahrer Bauboom ein und gut betuchte Menschen ließen ein Villenviertel entstehen. So erklärt sich, dass die Straße mit Spalierbäumen letztlich doch noch das gewünschte Entree zur Stadt wurde. (Sarah Schnieder)

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