Überraschung nach der Christmette

Das Findelkind an Weihnachten in der St.-Blasius-Kirche Hann. Münden

Eine Zeichnung illustriert, wie ein Pastor einen Säugling auf einer Kirchenbank findet.
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Der Moment des Fundes: Zeichnung von Alfred Hesse illustriert, wie Pastor Hagemann an Heiligabend 1707 einen Säugling in der St.-Blasius-Kirche findet.

An Heiligabend im Jahr 1707 soll der Pastor einen Säugling in der Kirche St. Blasius in Hann. Münden nach der Christmette gefunden haben.

Weihnachten ist für viele das Fest der Liebe. Hoffnung und Nächstenliebe sind schon Motive der biblischen Weihnachtsgeschichte und auch Charles Dickens thematisierte in seiner berühmten Weihnachtsgeschichte beides in Verbindung mit Heiligabend und den Weihnachtstagen. Aber auch Sozialkritik klang in der 1843 veröffentlichen Geschichte an. All das spielt auch eine Rolle bei einer Begebenheit, die sich an Heiligabend 1707 in Hann. Münden zugetragen haben soll.

Zu dieser Zeit war Theophilus Andreas Hagemann Pastor und Superintendent der St.-Blasius-Kirche. Er war der Nachfolger von Johann Friedrich Weckensen, der sieben Jahre zuvor gestorben war. Hagemann war es auch, der die Ägidienkirche 1733 nach ihrer Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg und dem Wiederaufbau wieder einweihte. Aber was trug sich denn nun am Heiligen Abend 1707 in Münden zu?

Hagemann hatte eine Christmette gehalten. Nach dem Abendmahl hatte sich die Kirche geleert und auch Hagemann wollte gehen. Mit einer Kerze leuchtete er seinen Weg zur Südtür Richtung des damaligen Totenhofes und heutigen Kirchplatzes, um von dort aus zum gegenüberliegenden Pfarrhaus zu gelangen. Doch bevor er sie verließ, hörte er etwas Ungewöhnliches in der leeren Kirche – Weinen.

Mit der Kerze in der Hand folgte er dem leisen Jammern ins Gestühl. Auf einem der Sitzplätze fand Hagemann einen Säugling – in Windeln gewickelt und allein. Brethauer schreibt: „Wie groß muß die Not der jungen Mutter gewesen sein, die sich in der heiligen Nacht von ihrem Neugeborenen trennte und es auf ihrem Platz in der Kirche zurückließ, in der Hoffnung, daß sich am Fest der Liebe ein mitleidiges Herz finden möchte, das sich des hilflosen armen Würmchens annahm!“

An dieser Stelle kommt ein gesellschaftlicher Faktor zum Tragen, der heute unvorstellbar ist: Der Mutter eines unehelich geborenen Kindes drohten zu dieser Zeit schwere Strafen. Aber woher weiß man, dass das Kind ein uneheliches war? Weil die Mutter gefunden worden sein soll. Pastor Hagemann hatte die Sache dem damaligen Bürgermeister Georg Heinsius gemeldet. Dieser soll den Vorfall dem Rat geschildert und der wiederum beschlossen haben, dass die Tat der Mutter „eine höchst strafbare Sache“ sei und es gelte, „fleißig nachzuforschen, ob man diejenige Person, so das Kind in die Kirche getragen, auskunden könnte“. Dafür winkte eine Belohnung von zehn bis zwölf Talern.

Der Pastor sollte die Bevölkerung darüber informieren oder es würden Aushänge im Rathaus sowie an den damals üblichen Verkaufsständen für Fleisch und Brot (sogenannte Scharren) gemacht, die sich zu jener Zeit in der Lotzestraße (damals Hökerstraße) befunden haben.

Was aus dem Kind, das Hagemann an Heiligabend 1707 in der Kirche fand, geworden ist, ist nicht geklärt. Überliefert soll nur noch sein, dass der Pastor das wenige Tage alte Kind nicht nur gefunden, sondern auch getauft haben soll.

Demnach war es ein Mädchen, das den Namen Anna Christina erhielt. Das kann „Gnade“ und „Christin“ – legt man den lateinischen Ursprung zugrunde auch „christlich“ – bedeuten. Ob durch die Gnade Christus’ oder durch Zufall, Hagemann hatte Anna Christina gefunden und das Mädchen hoffentlich ein gutes Zuhause.

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