Tierärzte sind wegen Personalmangel in Not

Raum Hann. Münden: Tierärzte sind wegen Personalmangel in Not

Freuen sich über Unterstützung in ihrer Gemeinschaftspraxis: Dr. Tina Benninger (links) und Anika Lucht haben eine neue Tierärztin angestellt.
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Freuen sich über Unterstützung in ihrer Gemeinschaftspraxis: Dr. Tina Benninger (links) und Anika Lucht haben eine neue Tierärztin angestellt.

Tierärzte vor Problemen: es herrscht Nachwuchsmangel. Das macht sich auch im Raum Hann. Münden bemerkbar.

Landkreis Göttingen - Bundesweit gibt es weniger Tierärzte auf dem Land und weniger Kliniken für tierische Notfälle. Das teilt der Bundesverband Praktizierender Tierärzte mit. Deshalb fordert er unter anderem bessere Bezahlung, flexiblere Arbeitszeiten und Unterstützung für Selbstständige, um die medizinische Versorgung von Tieren in Zukunft gewährleisten zu können.

Hann. Münden: Weniger Tierärzte in der Region

Auch in der Region um Hann. Münden haben Kleintierkliniken ihre Öffnungszeiten eingeschränkt und bieten keine 24-Stunden-Versorgung mehr an, wie in Göttingen und Northeim. Allein die Tierklinik Kaufungen ist noch rund um die Uhr verfügbar. Dadurch sind die ortsansässigen Tierärzte stärker in den Notdienst eingebunden und die Wege für Haustierbesitzer nachts und am Wochenende länger geworden. „Zur Zeit kämpfen wir Tierärzte an vielen Fronten und können kaum noch den alltäglichen Erfordernissen unseres Berufes nachkommen“, berichtet Dr. Steffen Gremmes, Fachtierarzt für Pferde mit eigener Klinik in Jühnde.

Ausschlaggebend sei der Personalmangel bei Tierärzten und Fachangestellten. Für seine Klinik suche er bereits Mitarbeiter im Ausland. Die Ursache für diesen Mangel sieht er in der zu geringen Anzahl an Studienplätzen und der höheren Nachfrage in der Praxis. Während die Selbstständigkeit für viele Tierärzte nicht attraktiv sei, sei zugleich die Bezahlung für Angestellte zu gering.

Um eine Tierarztpraxis wirtschaftlich führen und Angestellte zeitgemäß bezahlen zu können, fordert auch Dr. Gremmes eine Anpassung der Tierärztlichen Gebührenordnung. „Solange diese Forderung von den entsprechenden Ministerien abgelehnt wird, sehe ich für die Zukunft große Probleme auf uns zukommen, die sowohl die tierärztliche Grundversorgung als auch den Notdienst betreffen“, so Gremmes. „Alle Praxen fahren zurzeit an ihrer Leistungsgrenze und können nach eigenen Aussagen diesen bedenklichen Zustand nicht mehr länger durch ihre Mitarbeiter kompensieren.“ Hilfe könnten die Haustierbesitzer leisten, indem sie politischen Druck aufbauen.

Probleme: Geringe Bezahlung, Überstunden, Personalmangel

Tierärzte in der Region stehen zurzeit vor vielen Herausforderungen: geringe Bezahlung, Überstunden, Personalmangel, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Dokumentationspflicht und mehr.

Für ihre gemeinschaftliche Tierarztpraxis in Hann. Münden haben Dr. Tina Benninger und Anika Lucht kürzlich nach langer Ausschreibung eine weitere Tierärztin einstellen können, wie sie berichten. „Wir haben wenige Bewerbungen erhalten“, erzählt Dr. Benninger. Auch Anika Lucht sieht das Problem der Branche in der Bezahlung: „Die Hauptunzufriedenheit ist das Anstellungsverhältnis.“ Deshalb seien alle ihre Studienkollegen mittlerweile selbstständig.

Forderungen zur Bundestagswahl

Um die Versorgung von Tieren zu gewährleisten, fordert der Bundesverband Praktizierender Tierärzte einige Veränderungen, um den Beruf attraktiver für Nachwuchskräfte zu machen. Dazu gehören unter anderem eine Veränderung der Gebührenordnung für bessere Einkommen und des Arbeitszeitgesetzes zur besseren Vereinbarung von Familie und Beruf, die Förderung von Selbstständigkeit, Entbürokratisierung und ein verändertes Studien-Auswahlverfahren. 

Die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestätigen auch die Tierärztinnen. Aus Erfahrung wissen die beiden Mütter, dass die Öffnungszeiten von Kindergarten und Tierarztpraxis im Konflikt stehen können. Viele Tierärztinnen entscheiden sich deshalb für eine berufliche Auszeit, was den Personalmangel verstärkt, so Dr. Steffen Gremmes. Ein weiteres Hindernis im Praxisalltag stellt laut Gremmes auch die umfangreiche Dokumentationspflicht dar.

Flexiblere Arbeitszeiten durch Absprache

So seien Tierärzte zwar dazu verpflichtet zu dokumentieren und archivieren, könnten aber für diese zeitaufwendige Arbeit die Kosten nicht geltend machen. Dieses Problem bestehe jedoch eher bei Großtierpraxen, so die Tierärztinnen. „Ich empfinde das nicht als zusätzliche Belastung“, sagt dazu Anika Lucht. Abhilfe bei vielen dieser Probleme können eine Veränderung der Gebührenordnung und eine Erhöhung der Studienplätze schaffen, so Dr. Gremmes.

Um die Arbeitszeiten flexibler zu gestalten, könnten Praxen vor Ort ihre Öffnungszeiten untereinander absprechen, schlagen Dr. Benninger und Lucht vor. „Der Geldbeutel der Tierbesitzer spielt eine große Rolle bei allen Entscheidungen“, fügt Lucht an.

Im Gegensatz zur Humanmedizin, wo die Patienten krankenversichert sind, müssten die Menschen entscheiden, welche Tests und Operationen der Arzt vornehmen darf. Damit die finanzielle Situation des Tierbesitzers nicht über die medizinische Versorgung der Patienten entscheidet, empfehlen die Tierärztinnen eine OP- und Krankenversicherung für Haustiere. Die hätten glücklicherweise immer mehr Kunden. (Kim Henneking)

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