Klimawandel in der Region Hann. Münden

Fichtensterben ist Grund für leere Hügel am Ameisenpfad bei Staufenberg

Sibylle Susat vom Naturpark Münden zeigt ein Ameisennest an einem Baumstumpf
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Sibylle Susat zeigt ein Ameisennest an einem Baumstumpf. Was eigentlich ein optimaler Nestplatz ist, ist wegen des fehlenden Schattens nicht mehr bewohnbar.

Jeder Waldbesucher kennt sie: die großen Freiflächen und kahlen Stämme der Nadelbäume in den Wäldern in Südniedersachsen. Das Fichtensterben ist das Sinnbild des Klimawandels in Deutschland, doch mit den Fichten verschwinden auch andere heimische Arten. Besonders betroffen: die Waldameisen, auch bekannt als „die Polizei des Waldes“.

„Mittlerweile muss man ihn leider den ehemaligen Ameisenpfad nennen“, sagt Sibylle Susat, Geschäftsführerin vom Naturpark Münden. Die Infotafeln entlang des Ameisenpfads nahe Lutterberg, der im Gebiet des Naturparks liegt, mussten abgenommen werden. Entlang des Pfades stößt man immer wieder auf verlassene Ameisennester.

„Ameisen bauen ihre Nester größtenteils aus den Nadeln der Fichten“, sagt Susat. Da die Fichten aber größtenteils aus den Wäldern verschwunden sind, fehlt den Insekten ihr grundlegendes Baumaterial. Die Nadeln der Lärchen seien im Vergleich zu weich, zersetzten sich zu schnell und seien deshalb als Ersatz ungeeignet. Mit der Waldameise verschwindet ein wichtiges Lebewesen aus dem Kreislauf des Waldes, sagt Susat. „Es ist eben nicht so, dass eine Art geräuschlos verschwindet.“ Auch an der Ameise hängen wiederum weitere Lebewesen. So sind Ameisen die Leibspeise der Grünspechte. Im Winter, wenn die Ameisen in die Winterstarre verfallen, sind die Nester wie ein Vorratshügel für den Specht.

„Gibt es keine Ameisen mehr, wird es auch für den Specht ungemütlich“, erklärt Susat den Lebenskreislauf des Waldes. Auch andere Vögel ernähren sich von Ameisen und ihren Larven. „Ameisen und Vögel sind die natürlichen Schädlingsbekämpfer. Gibt es weniger von ihnen, steigt die Zahl der Schädlinge.“ Die Ameisen selbst haben in den vergangenen Jahren viele Borkenkäfer gefressen. Die Schädlinge, die die durch Trockenheit geschwächten Fichten befallen, seien jedoch für die Ameisen irgendwann zu zahlreich geworden. Neben Schädlingen fressen die Ameisen vor allem Aas, aber auch Pflanzensamen. „Die Ameisen sind nicht nur Resteverwerter, sondern auch Pflanzenverbreiter. Die Samen des Waldveilchens verteilen sie unbewusst im Wald, wenn sie sie zum Nest transportieren“, sagt Susat. „Diese natürliche Verbreitung bleibt beim Waldveilchen nun auch aus.“

Menschen sind von Ameisen abhängig

Doch nicht nur die fehlenden Nadeln sind Grund für das Ameisensterben: „Die Ameisen brauchen Schatten“, sagt Susat. Die Bauten seien möglichst immer so ausgerichtet, dass sie zwar morgens in der Sonne liegen – die Ameisen brauchen als wechselwarme Tiere Sonnenwärme, um auf Touren zu kommen – und dann mit steigender Temperatur nicht dauerhaft dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. „Es wird ansonsten im Inneren des Baus zu warm und die Tiere sterben.“

Denn: Nur ein Drittel des Ameisennestes ist von außen sichtbar. Der Rest des Baus liegt unterirdisch. „Man muss sich das wie einen Eisberg vorstellen“, sagt Susat. Im Inneren müsse auch eine gewisse Feuchtigkeit herrschen, die die Ameisenkönigin und die Larven kühlen. Bei dauerhafter Sonne auf den Bau, verdunste die Feuchtigkeit jedoch zu stark.

„Die Ameise ist einfach unheimlich wichtig für die Abläufe im Ökosystem Wald“, fasst Susat zusammen. Es sei für den Menschen von großem Interesse, dass der Wald erhalten bleibt. „Der Wald ist eine umweltfreundliche Fabrik, ein Luftreiniger. Und er liefert uns Menschen den wichtigen und nachhaltigen Rohstoff Holz“, sagt Susat. „Und so wird einem am Ende des Tages bewusst, dass wir Menschen auch von der Ameise abhängig sind.“ Etwas gegen diesen schnellen Wandel zu unternehmen, sei laut Susat aus forstwirtschaftlicher Sicht kaum möglich.

Waldameisen auf der Roten Liste Bedrohter Arten

Die Ameisen, die am Pfad im Mündener Stadtwald nahe Lutterberg beheimatet sind, sind die Große und Kleine Rote Waldameise, sagt Sibylle Susat vom Naturpark Münden. Beide Arten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Ameisen haben von Geburt an eine Aufgabe für ihr Ameisenvolk. Die Weibchen arbeiten unter anderem als Jägerinnen, Baumeisterinnen oder betreiben Brutpflege. Die Männchen sorgen gemeinsam mit der Königin für stetigen Nachwuchs.

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