Angriff der Alliierten

Ein Dorf erinnert sich: Als auf Speele Bomben fielen

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Aufräumarbeiten: Unser Bild zeigt das zerstörte Haus Gobrecht an der heutigen Dorfstraße nach dem Bombenangriff. Im Hintergrund ist die Friedenskirche zu sehen. 

Der Luftangriff der Alliierten begann am 18. Oktober um 11.04 Uhr. Nach wenigen Minuten war fast das halbe Dorf zerstört. Speeler haben noch Bilder ihres brennenden Dorfes im Kopf. 

Die Bilder ihres brennenden Dorfes am Vormittag des 18. Oktober 1944 haben viele ältere Speeler bis heute im Kopf. Um 11.04 beginnt der Luftangriff der Alliierten. Er dauert nur wenige Minuten. Aber als er um 11.18 Uhr vorbei ist, ist fast die Hälfte der Häuser in dem Fuldadorf zerstört oder beschädigt. Wie durch ein Wunder kommt bei dem Angriff niemand ums Leben.

Viele Speeler hatten sich in Schutzräume geflüchtet so wie Ingeborg Friedel, die damals 15 Jahre alt war. Sie hatte den Angriff zusammen mit ihrer Mutter Marie Winneknecht und etwa fünfzig weiteren Speelern in einem Bunker unter der Bahnlinie überlebt.

Menschen im Bunker hörten die Bombeneinschläge

Als die Sirenen gingen, haben wir „unsere Tasche mit Papieren, Geld und etwas Wäsche, die immer bereit stand, gegriffen und liefen los“, berichtete sie im Interview mit unserer Zeitung zum 70. Jahrestag des Angriffs.

Im Bunker hörten die Menschen die Einschläge und das Krachen der berstenden Gebäude. „Angst hatte ich schon“, sagte sie, dennoch rannte Ingeborg Friedel, als keine Bomben mehr fielen, sofort heraus aus dem Bunker und in die Dorfstraße, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen.

„Als ich ins Dorf runter kam, brannte unsere Scheune schon lichterloh und auch aus unserem Haus schlugen schon Flammen“, erinnerte sie sich. Zwar konnte ihre Familie zusammen mit Helfern noch einige Möbel aus dem Haus holen, aber das Gebäude selbst war nicht mehr zu retten.

Koffer mit den wichtigsten Familienakten genommen

Auch die damals 13-jährige Lottie Buhre hatte sich in einen Bunker geflüchtet. Sie sei allein zu Hause gewesen, als die Sirenen ertönten, heißt es in ihrem Zeitzeugenbericht aus der Sammlung des Speeler Kultur- und Heimatvereins. Sie habe den Koffer mit den wichtigsten Familienakten unter dem Arm genommen und sei zum Bunker unter der Bahnüberführung gerannt. 

„Kaum dort angekommen bebt die Erde und alles, was nicht ganz fest steht, wackelt. Eine Sprengbombe hatte über uns die Gleise der Bahn getroffen. Erschrecken, Angst, Schreie. Der Bunker übervoll mit Menschen. Meine Mutter war vom Feld her auch in den Bunker gekommen. In panischer Angst klammerte ich mich an sie. ,Du erdrückst mich ja‘, sagte sie. 

Auch die Mutter hat Angst. Es war einfach nur schrecklich. Diese Menschen, dicht an dicht im Bunker. Die Angstschreie höre ich heute noch, wenn ich die Bilder in der Erinnerung in mir aufsteigen lasse.“ Auch ihr Elternhaus steht an diesem Tag in Flammen.

Grund für Bombardierung sei unklar

Es sind Zeitzeugenberichte wie diese, die im Mittelpunkt des Erinnerns heute in Speele stehen. Vier werden auch im Gedenkgottesdienst in der Friedenskirche in Speele verlesen, berichtet Ortsbürgermeister Fred Kaduhr. Der Kultur- und Heimatverein Speele hat die Interviews mit Augenzeugen, wie das von Lottie Buhre, die mehrere Speeler Bürger vor Längerem geführt haben, zum Nachlesen in einer Broschüre zusammengefasst.

Warum Speele am 18. Oktober 1944 bombardiert wurde, sei unklar, sagt Ortsheimatpfleger Walter Jentsch. In dem Dorf habe sich kein kriegswichtiges Ziel befunden.

Möglicherweise habe es sich um Notabwürfe eines amerikanischen Bomberverbandes gehandelt, der von der Flak in Kassel heftig beschossen worden sei und sich über Speele neu gesammelt habe. Darauf deutet eine Aussage eines Augenzeugen hin, mit dem er gesprochen habe.

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