Erste Flüchtlinge im Fuldadorf: Ein Dorf hilft sich selbst

Anmeldung im Rathaus: Die beiden Flüchtlingsfamilien sind inzwischen auch offiziell bei der Gemeinde Staufenberg gemeldet. Unser Foto zeigt sie mit Sachbearbeiterin Heike Prurr (links), die im Bürgerbüro Landwehrhagen die Neuankömmlinge begrüßte. Foto: Schaffner

Spiekershausen. Der Ortsbürgermeister fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen, aber die Dorfbewohner unterstützen die Flüchtlinge.

Jetzt hat auch Spiekershausen die ersten Flüchtlinge vom Landkreis zugeteilt bekommen. Seit rund einer Woche leben zwei junge Familien aus Syrien in dem beschaulichen Örtchen an der Fuldaschleife. Würde die engagierte Dorfgemeinschaft den Neuankömmlingen nicht so tatkräftig unter die Arme greifen - sie wären wohl völlig aufgeschmissen.

HilmarSengler

Ortsbürgermeister Hilmar Sengler fühlt sich vom Landkreis im Stich gelassen: „Wenn man schon Flüchtlinge bis an die Kreisgrenzen schickt, dann darf man sie dort auch nicht alleine lassen.“ So habe der Landkreis für die Syrer zwar Wohnungen im Ort angemietet - sie jedoch ohne Essen und Trinken dort abgeliefert. „Wir mussten Essenspakete schnüren, damit sie über die Runden kommen“, sagte er.

Ausreichende Versorgung ist für die Familien, die 18 beziehungsweise 25 Tage auf der Flucht waren, auch deshalb so wichtig, weil sie zwei Kleinkinder, darunter einen Säugling, haben.

Um die Hilfe im Ort besser zu organisieren, hat Sengler jetzt einen Runden Tisch einberufen. Am Treffen im Dorfgemeinschaftshaus nahmen auch ein Dutzend ehrenamtliche Helfer, die Familien und ein Übersetzer teil.

Wie wichtig dieses Treffen war, zeigte sich bereits nach wenigen Minuten. Die Flüchtlinge wussten beispielsweise bis dahin nicht, dass sie drei Monate lang den Landkreis nicht verlassen dürfen. Eine der beiden Familien hätte sonst über Silvester zu Verwandten nach Köln fahren wollen - und hätte damit eine Straftat begangen. Keine guten Voraussetzungen für einen positiven Asylbescheid.

Unterschrift in Göttingen

Besonders ärgern sich die Spiekershäuser über träge Bürokratie und fehlende Genehmigungen. „Es kann nicht sein, dass die Familien für eine Unterschrift 50 Kilometer nach Göttingen fahren müssen, ihnen aber niemand sagt, wie sie dort hin kommen“, sagte Sengler.

Denn: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dürfen die Syrer zwar fahren - Bus und Bahn würden sie allerdings zwangsläufig über die Landkreisgrenzen führen. Eine Bürgerin stellte beim Runden Tisch deshalb spontan einen Kindersitz zur Verfügung, damit die Familien in einem Auto mitgenommen werden dürfen.

Spenden über Facebook

Fehlende Gardinen für ein bisschen Privatsphäre in der Wohnung? Fahrräder für ein Mindestmaß an Mobilität? Satelittenreceiver, um Nachrichten aus der Heimat zu empfangen? „Können wir alles für sie beantragen, aber das dauert viel zu lange“, sagte Sengler. Über Facebook rief der Ortsbürgermeister zu Sachspenden auf - mit Erfolg: „Wir helfen uns lieber selbst, als uns auf andere zu verlassen“, sagte Sengler, der sich mit dem Helferkreis ab sofort über eine Whatsapp-Gruppe noch schneller austauschen will.

Im Dorfgemeinschaftshaus lobte er auch die Aufgeschlossenheit der Spiekershäuser gegenüber den fremden Gästen: „Ich bin froh in einem Ort zu leben, in dem es keinen Shitstorm gibt, sondern in dem man sich gegenseitig hilft.“

 

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