Bücher aus der Region

Interview: Hann. Mündenerin Renate Tebbel schreibt Roman „Die grüne Schatulle“ über das Leben ihrer Großmutter

Die Mühlenstraße in Hann. Münden mit Blick zur Fußgängerbrücke über die Fulda
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Die Mühlenstraße in Hann. Münden mit Blick zur Fußgängerbrücke über die Fulda zum Tanzwerder. Die Straße hat sich seit der Lebenszeit von Clara Siebert nicht verändert.

In der Serie „Bücher aus der Region“ stellen wir Autoren und ihre Werke vor, die einen Bezug zu Südniedersachsen haben. Die Geschichte ihrer Familie über drei Generationen erzählt die gebürtige Hann. Mündenerin Renate Tebbel. Hauptcharakter ist ihre Großmutter Clara Siebert, deren Erinnerungen die Inspiration für das Buch geliefert haben.

So beginnt die Erzählung Ende des 19. Jahrhunderts und führt über die Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik zum Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre.

Frau Tebbel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Familiengeschichte aufzuschreiben?

Die Idee hatte ich schon lange.  Ich bin in Hann. Münden geboren und obwohl ich mit 20 Jahren weggegangen bin, war Hann. Münden immer dabei. Ich finde, es hat etwas ganz Besonderes, auch einen besonderen Zeithorizont. Wenn ich in Hann. Münden bin, habe ich das Gefühl wie bei einer Zeitreise. Die Geschichte ist heute noch spürbar und als Kind habe ich die besonders intensiv erlebt. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen und diese vielen Erzählungen vom Kaiserreich, von den politischen Ereignissen, die auf ganz persönlicher Ebene erlebt wurden, das hat mich tief geprägt.

Die Ereignisse im Buch basieren zum größten Teil auf den Erzählungen Ihrer Großmutter. Wie haben die sich zum Roman entwickelt?

Das grobe Gerüst hatte ich schon im Kopf, von den Erzählungen meiner Großmutter. Und dann war ich mir zum Beispiel gar nicht sicher, ob ihre jüdische Freundin wirklich existiert hat oder ob ich mir das über die Jahre vielleicht eingebildet habe. Ich habe dann im Internet recherchiert und es auch bestätigt gefunden. Und dann hab ich noch andere Erzählungen erforscht, zum Beispiel die Bankenkrise 1931. Da habe ich zunächst gedacht, sie hatte eine kleine Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann. Und bin dann aber darauf gekommen, worum es dabei ging. Die Geschichten haben mich immer begleitet und später, als ich Geschichtswissenschaft studiert habe, war mir wichtig herauszufinden, ist denn da ein Wahrheitsgehalt.   Das ist dann über die reine Familiengeschichte hinaus interessant, wie die Menschen im Alltag den ersten und Zweiten Weltkrieg erlebt haben, was es mit ihnen gemacht hat und wie unterschiedlich sie darauf reagiert haben.

Haben Sie sich durch das Schreiben Ihren Verwandten verbunden gefühlt?

Ich habe mich stärker damit auseinandergesetzt. Näher gefühlt habe ich mich nicht, aber ich habe sie besser verstehen können. Ich habe das objektiver sehen können, weg von dieser persönlichen Betroffenheit, die man ja immer mit seinen Verwandten hat. Ich habe es aus der Distanz betrachten können und dadurch ist das Einfühlen möglich geworden.

Haben Sie die Orte noch einmal besucht, nachdem Sie sich damit stärker auseinandergesetzt haben?

Ja ich bin jedes Jahr da. Es ist wirklich wie in einer anderen Zeit. Die Stadt hat so ein ganz besonderes Flair. Die Häuser in der Mühlenstraße aus dem Buch gibt es noch.

Sie schreiben im Vorwort, dass nach Tolstoi jede Familie auf ihre eigene Art unglücklich ist. Können Sie beschreiben, wie das auf Ihre eigene Familie beziehungsweise die Geschichte zutrifft?

Ich denke es hat mit der großen Politik zu tun. Dass mein Großvater einer der ersten Nazis war, das war schon ein großes Unglück für die Familie.   Er war nicht nur der überzeugte Nazi mit Idealen, es wurde auch eine Minderwertigkeit dadurch kompensiert, dass man besonders auftrumpft und der Welt zeigt, was man für ein toller Typ ist. Das Geld und Gut ging verloren, er hat die Familie mitten im Krieg verlassen, seine Kinder durften keinen Beruf ergreifen, weil er hoch hinaus wollte, und sie hatten nichts mehr, nur das Haus.

Auf der anderen Seite gibt es auch glückliche Momente im Buch ...

Ja, es gibt witzige Elemente. Beim Schreiben hatte ich den Eindruck, selbst im Unglück gab es nicht das Gefühl des Scheiterns. Vielleicht liegt das an der Hauptfigur, meiner Großmutter, dass sie sich immer durchgekämpft hat und nie den Lebensmut verloren hat.

Sie widmen das Buch Ihrer Großmutter und allen Frauen ihrer Zeit. Warum?

Im Grunde folgt es ihren Lebensspuren von der Kindheit bis zum Tod.   Die Mutter meiner besten Freundin, mit der ich in der Mühlenstraße gewohnt habe, war auch eine Frau, die das Ganze so zusammengehalten hat.   Die Männer haben entweder etwas aufgebaut oder sie waren glücklos, abenteuerlustig – wie mein Großvater, der die Verantwortung nicht übernommen hat. Aber die Frauen haben das Ganze zusammengehalten, unter welchen Umständen auch immer, ob die Männer da waren oder im Krieg geblieben sind. Die Frauen waren das Gerüst, der Halt, den die Gesellschaft damals hatte.

Service: Der Roman ist erhältlich in der Buchhandlung Winnemuth. Kennen Sie weitere Autoren oder Bücher aus der Region? Schreiben Sie uns an hann.muenden@hna.de oder rufen Sie an, Tel. 0 55 41/ 98 39 15.

Zur Autorin: Renate Tebbel

Dr. Renate Tebbel (73) ist in Hann. Münden aufgewachsen. Nach einer Buchhändlerlehre zog sie 1979 nach Australien. Dort arbeitete sie im Buchhandel, studierte später Germanistik, Anglistik, Geschichte und Psychologie und erwarb ein Zertifikat als Übersetzerin. Nach Erhalt ihres Doktortitels arbeitete sie als Dozentin an der Universität Sydney. 1992 kehrte sie zurück nach Deutschland, wo sie als Lehrerin, Journalistin, Übersetzerin und in der Öffentlichkeitsarbeit arbeitete. Sie wohnt in Hohberg, Baden Württemberg. Mehr Infos zur Autorin auf renate-tebbel.de

Rezension zu „Die Grüne Schatulle“

„Die Großeltern haben bei der Familienfeier wieder vom Krieg erzählt.“ Mit Bemerkungen dieser Art erntet man bei Kollegen oder Freunden typischerweise ein Stöhnen, verdrehte Augen oder verständnisvolles Nicken. Schwieriger ist es, zuzuhören und sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Renate Tebbel hat ihrer Großmutter zugehört. Clara Siebert berichtete ihr von der Kaiserzeit, dem Ersten Weltkrieg, der Weimarer Republik, dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Ihre Enkelin hat diese Erzählungen nicht vergessen, lange über den Tod der Großmutter hinaus.

Und sie ging auf die Suche nach dem Wahrheitsgehalt dieser subjektiven Erinnerungen. Aus historischen Quellen und Zeitzeugenbericht hat Renate Tebbel einen eindrucksvollen Roman gestrickt. So oder so ähnlich hat Clara Siebert Geschichte erlebt.

Die einfache Schreibweise und die sympathische Protagonistin machen es leicht, „Clärchen“ auf ihrem Weg von einem herzlichen jungen Mädchen zur willensstarken Frau zu begleiten. Nachdenklich macht ein auf die Lektüre folgender Spaziergang durch die historische Innenstadt von Hann. Münden. Denn „Clärchen“ ist nicht nur eine Figur in einem Roman. Es gilt, sich Kapitel um Kapitel daran zu erinnern, dass sie durch die selben Straßen gewandelt ist, wie Mündener es heute tun. So macht Renate Tebbel Geschichte greifbar.

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