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Energiekosten explodieren: Betriebe im Altkreis Münden leiden unter gestiegenen Preisen

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Von: Michael Caspar

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Verbraucht in 15 Stunden so viel Strom wie ein Einfamilienhaus im Jahr: Stanzanlage bei WMU mit dem kaufmännischen Leiter Martin Bode, Maschinenführer Arkan Tekali und Prozessoptimierer Tim Knudsen (v. l.).
Verbraucht in 15 Stunden so viel Strom wie ein Einfamilienhaus im Jahr: Stanzanlage bei WMU mit dem kaufmännischen Leiter Martin Bode, Maschinenführer Arkan Tekali und Prozessoptimierer Tim Knudsen (v. l.). © MICHAEL CASPAR

Vor allem kleine Betriebe haben stark mit den gestiegenen Energiekosten zu kämpfen. Göttingens Kreishandwerksmeister Christian Frölich fordert ein klares Signal von der Politik.

Hann. Münden – „Viele energieintensive Betriebe wie Bäckereien, Supermärkte mit großem Kühlbereich oder Textilreinigungen sind aufgrund der rasant steigenden Gas- und Stromkosten in ihrer Existenz gefährdet“, warnt Göttingens Kreishandwerksmeister Christian Frölich.

Eine kleine Bäckerei mit 20 Mitarbeiter könne eine Vervierfachung ihrer Gaskosten nicht stemmen, betont Frölich. Die Kühlschränke in den Supermärkten, die Kunden ständig öffneten, würden „Strom fressen ohne Ende“. Eine Verfünffachung der Stromkosten, derzeit nicht selten, treibe selbstständige Kaufleute in den Ruin.

Frölich fordert „in den nächsten sechs bis acht Wochen ein klares Signal von der Politik“. Der Bund müsse sich in der Europäischen Union für eine Entkoppelung von Gas- und Strompreis einsetzen. Das würde den Strompreis deutlich sinken lassen. Gleichzeitig benötigten Betriebe, die viel Energie verbräuchten, einen „Energiepreis-Deckel“. Sie sollten nur so viel bezahlen müssen, wie sie in den vergangenen drei Jahren durchschnittlich ausgegeben hätten.

Kommunale Energieagenturen haben wichtige Rolle

Eine wichtige Rolle kommt aus Sicht des Kreishandwerksmeisters den kommunalen Energieagenturen zu. Diese müssten die kleinen, inhabergeführten Betriebe „an die Hand nehmen“, ihnen Möglichkeiten zur Steigerung der Energieeffizienz oder zur Gewinnung von Energie aufzeigen und auch beim Einwerben von Fördergeldern zu helfen. Größere Unternehmen schafften das aus eigener Kraft.

„Wir bekommen derzeit deutlich mehr Anfragen von Firmen als bisher“, sagt Aaron Frater, einer der zuständigen Berater bei der Energieagentur Region Göttingen. Sein Terminkalender sei „ausgebucht“, die Nachfrage größer als das Angebot. „Unser gemeinnütziger Verein, der hauptsächlich von Stadt und Landkreis Göttingen finanziert wird, baut aufgrund der aktuellen Entwicklung seine Kapazitäten aus“, sagt Fraeter. Im Bereich der Privathaushalte, die am häufigsten Beratungen anfragten, verdreifache die Agentur im Laufe dieses Jahres ihr Leistungsangebot. Auch der Firmenkundenbereich solle wachsen. „Unterdessen setzt sich unsere Geschäftsführerin, Laila Morgenroth, in Arbeitskreisen der Politik für eine Neufassung von Förderrichtlinien ein“, führt der Energieberater aus. Ziel sei es, den klimaneutralen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft gezielt finanziell zu unterstützen.

Gestiegene Kosten für Unternehmen im Altkreis

Die in die Höhe schießenden Energiepreise machen den Unternehmen im Altkreis Münden zum Teil hart zu schaffen.

WMU

Gewaltig ist der Energieverbrauch der Stanz- und Schweißanlagen des Hann. Mündener Automobilzulieferer Weser Metall Umformtechnik (WMU). „Eine einzige Maschine, die mit einer Presskraft von 2000 Tonnen Stanzteile produziert, verbraucht in 15 Stunden so viel Strom wie ein Einfamilienhaus im Jahr“, berichtet der kaufmännische Leiter, Martin Bode. Die Stromkosten machten bisher drei Prozent des Umsatzwertes aus. Nun müsse das Unternehmen für Strom das 2,5-Fache zahlen.

Auch für Gas und Heizöl, mit dem die WMU ihre Hallen beheizt, greifen die Mündener jetzt tiefer in die Tasche.

Alle Mehrkosten zusammen, auch bei Materialien oder Transport, belaufen sich 2022 im Vergleich zum Vorjahr auf bis zu drei Millionen Euro, erwartet Bode. Das mindert das Ergebnis, da sich nicht alle Mehrkosten an Kunden weitergeben lassen.

„Wir werden in diesem Jahr wieder rote Zahlen schreiben“, bedauert der kaufmännische Leiter. Das sei bereits 2021 der Fall gewesen. Damals habe es Umsatzrückgänge gegeben, weil die Autohersteller aufgrund des Halbleitermangels nicht so viele Fahrzeuge hätten produzieren können und deshalb auch weniger WMU-Teile benötigten. Mit Unterstützung eines Energieberaters prüft das Unternehmen derzeit, wie sich Verbräuche senken lassen. Auf den großen Hallendächern sind Photovoltaikanlagen zur eigenen Stromerzeugung denkbar. Bisher scheiterten solche Überlegungen an der Statik der Hallen, so Bode.

Benary

„Die Preissteigerungen beim Gas, mit dem wir unsere Gewächshäuser heizen, treffen uns derzeit aufgrund langfristiger Lieferverträge noch nicht“, sagt der kaufmännische Leiter der Firma Benary, Daniel Predehl. Um sich auf die Zukunft vorzubereiten, prüft das Saatzuchtunternehmen derzeit allerdings Alternativen.

Eventuell investiert Benary in ein Blockheizkraftwerk, um mit dem Gas nicht nur Wärme, sondern auch Strom zu erzeugen.

Nachgedacht wird zudem über Photovoltaik auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes oder auf einer der Freiflächen. Strom benötigt das Unternehmen vor allem in der dunklen Jahreszeit für die Gewächshaus-Beleuchtung.

Ratsbrauhaus

„Vor großen Herausforderungen“ sieht der Mündener Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, Guido Einecke, seine Branche. Gastwirte kochen mit Gas und backen mit Strom. „Die meisten von uns haben Jahresverträge abgeschlossen, sodass die gestiegenen Energiekosten erst im kommenden Jahr durchschlagen werden“, sagt der Betreiber des Mündener Ratsbrauhauses.

Er bemüht sich seit Langem um niedrigere Verbräuche. So konnte er durch die Umrüstung seiner Kühlhäuser dort den Energiebedarf um ein Drittel senken. Vor zwei Jahren stellte er die Beleuchtung auf sparsame LED-Technik um.

„Schon jetzt machen uns die steigenden Lebensmittelpreise zu schaffen“, räumt Einecke ein. Ware sei zum Teil überhaupt nicht zu bekommen. Er könne die Preiserhöhungen nicht vollständig an die Kunden weitergeben, weil sie sonst fortblieben. „Einige Kollegen nehmen Gerichte von der Speisekarte“, ergänzt Eineckes Stellvertreter bei der Dehoga, Antonio Angelilli. Er serviere zum Beispiel in seinem Restaurant Antico & Abruzzo keine Schmorgerichte mehr.

„Auch die Öffnungszeiten werden jetzt oft eingeschränkt“, führt der Gastwirt aus. Vielfach blieben Restaurants mittags zu. Abends versuchten Kollegen das Geschäft auf wenige Stunden zu konzentrieren. Teilweise gebe es einen zweiten Ruhetag in der Woche. Andere nutzten nicht mehr alle Räume ihrer Häuser. In seiner Pension werde er den Winter über nur einen Teil der Zimmer vermieten. Die anderen Räume blieben kalt. „Im nächsten Frühjahr sehen wir dann weiter“, sagt Angelilli.

Feinkostfleischerei

Geschockt hat ein großer Energieversorger die Mündener Feinkostfleischerei Schumann & Sohn. „Uns wurde der Stromvertrag zum Jahresende gekündigt, der seit fast 25 Jahren läuft“, berichtet Geschäftsführer Ulrich Schumann.

Der neue Vertrag sehe statt 24 Cent die Kilowattstunde nun 90 Cent vor, also fast das Vierfache. So einen Betrag könnten sie bei einem Jahresverbrauch von 35 000 Kilowattstunden nicht stemmen. Er wechsele jetzt zu den Versorgungsbetrieben Hann. Münden, die ihm den Strom „weitaus günstiger“ anbieten würden. Eventuell investiere er in Photovoltaik.

„Kein Luxus, sondern Weg aus der Krise“

Photovoltaikanlagen auf dem Dach, Blockheizkraftwerke zur gleichzeitigen Erzeugung von Wärme und Strom, Nutzung von Abwärme – „Für viele Unternehmen ist das kein Luxus mehr, sondern der Weg aus der Krise“, freut sich Firmenberater Aaron Fraeter von der Energieagentur Region Göttingen. Neben den steigenden Energiekosten treibe viele Entscheider die Angst an, bei einer Gas-Kontingentierung nicht mehr produzieren zu können. 

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