1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hann. Münden
  4. Hann. Münden

Energiepreise explodieren: Unternehmen in der Region leiden unter steigenden Kosten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Schlenz, Clara Veiga Pinto

Kommentare

Die Kraftstoffpreise bleiben hoch: An der Hann. Mündener Oil-Tankstelle kostete der Liter Diesel gestern Nachmittag 2,17 Euro und der Liter Super E5 2,06 Euro.
Die Kraftstoffpreise bleiben hoch: An der Hann. Mündener Oil-Tankstelle kostete der Liter Diesel gestern Nachmittag 2,17 Euro und der Liter Super E5 2,06 Euro. © Clara Pinto

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine steigen die Energiepreise explosionsartig. Auch in der Region leiden einige Unternehmen unter den Folgen des Ukraine-Kriegs.

Altkreis Münden – „Wir spüren die Preiserhöhungen extrem. Unsere Kosten sind etwa um das Doppelte gestiegen“, beklagt Can Bahar, Inhaber des Taxiunternehmens Drei-Flüsse-Taxi Hann. Münden. Bis jetzt sei die Auftragslage noch gut gewesen, aber „so kann das nicht weitergehen“, sagt Bahar.

Auch Udo Auerbach, Inhaber des Taxiunternehmens Taxi Ruba klagt über die Situation: „Das ist für alle eine Katastrophe.“ Der Dieselfahrer zahle sowieso schon mehr Kfz-Steuer. Und jetzt auch noch mehr beim Tanken. Für Auerbach gebe es daher nur eine vernünftige Lösung. „Die Steuern müssen gesenkt werden. In anderen EU-Ländern hat das auch geklappt“, sagt er.

Taxiunternehmen leiden unter den Preiserhöhungen

Ralf Scholz, Inhaber von Taxi Stemmer in Hann. Münden, geht davon aus, dass es im nächsten Monat für die Taxibranche noch schwieriger wird. „Die erste große Rechnung kommt am Ende des Monats. Erst dann sieht man, wie hoch die Kosten wirklich sind“, vermutet er. „Sowas geht nicht von heute auf morgen.“

Für die Spedition Krüger aus Göttingen haben die Preissteigerungen ebenfalls „dramatische Auswirkungen“. Vor drei Wochen habe man ein Team zusammengestellt, welches die Kunden des mittelständischen Unternehmens über die Preiserhöhungen informiert hat.

„99 Prozent der Kunden hatten Verständnis“, sagt Axel Lange, Verkaufsleiter der Spedition. Das Unternehmen musste die Dieselzuschläge von fünf auf 20 Prozent erhöhen. Dieser sogenannte Dieselfloater wird bei Krüger normalerweise monatlich berechnet und dient dazu, den schwankenden Dieselpreisen entgegenzuwirken.

Spedition mit 65 LKW: Preise erhöht

Nun geschieht das wöchentlich. „Wir mussten erhöhen, um unsere Kosten halbwegs zu bezahlen“, betont der Verkaufsleiter. Der Fuhrpark seines Unternehmens besteht aus 65 Lkw, die täglich im Einsatz sind und betankt werden müssen.

Auch die Industrie im Landkreis leidet unter den hohen Preisen bei Strom, Gas und Öl. Ein betroffenes Unternehmen ist die DBW Group, die in Bovenden Faserprodukte unter anderem für die Automobilindustrie herstellt. Göttingens Landrat Marcel Riethig machte sich dort gestern ein Bild.

So setzt sich der Kraftstoffpreis zusammen

Ein Drittel des Rohöls in Deutschland stammt normalerweise aus Russland. Fast 15 Prozent des in Deutschland getankten Diesels kommen aus russischen Raffinerien. Doch die Spritpreise sind nicht nur wegen des Kriegs gestiegen: Einen Großteil machen die Steuern aus. Je Liter Benzin werden festgeschriebene 65,45 Cent Energiesteuer aufgerechnet. Für Diesel liegt die Energiesteuer bei 47,04 Cent pro Liter. Hinzu kommt dann die Mehrwertsteuer mit 19 Prozent.

Rechnung 400 Prozent höher: DBW Group aus Bovenden spürt Preiserhöhungen auch

Die DBW Group in Bovenden-Reyershausen ist ein Global Player: Das Unternehmen hat weltweit zehn Standorte, darunter in Ungarn, Polen oder im chinesischen Shanghai, beschäftigt insgesamt 800 Mitarbeiter, davon über 100 aus der Region.

Der Jahresumsatz liegt zurzeit laut Geschäftsleitung bei etwa 80 Millionen Euro. DBW entwickelt, produziert und verarbeitet Faser- und Metallprodukte für die Automobilindustrie, darunter auch Schallschutzteile für die Elektroautos ID.3 und 4 von VW.

Mit der Mobilitätswende habe man länger geplant und sehe darin große Chancen für das Unternehmen, so Thomas Esser von der Geschäftsleitung.

Machten sich ein Bild von der Produktion bei DBW in Reyershausen: Bovendens Bürgermeister Thomas Brandes, Landrat Marcel Riethig, Thomas Bauer, Chief Executive Officer DBW Group, Wirtschaftsförderin Karin Friese, Thomas Esser, Chief Executive Officer DBW.
Machten sich ein Bild von der Produktion bei DBW in Reyershausen: Bovendens Bürgermeister Thomas Brandes, Landrat Marcel Riethig, Thomas Bauer, Chief Executive Officer DBW Group, Wirtschaftsförderin Karin Friese, Thomas Esser, Chief Executive Officer DBW. © Thomas Schlenz

Ein anderes Problem habe das Unternehmen aber nun seit Jahresbeginn kalt erwischt: Die Rede ist von den explosionsartig gestiegenen Preisen für Strom und Gas: Da die Fasern, die DBW produziert, unter anderem aus dem Ausgangsmaterial Basalt bei 1300 Grad Celsius in sogenannten Wannen geschmolzen werden müssen, ist sehr viel Energie nötig.

So liegt der Jahresverbrauch an Strom bei 9000 Megawattstunden, was dem jährlichen Verbrauch von etwa 2250 Vier-Personen-Haushalten entspreche. Vom Energieträger Erdgas werden 36 000 Megawattstunden verbraucht. Das entspricht laut DBW dem Jahresverbrauch von 15 000 Vier-Personen-Haushalten.

Strom- und Gasrechnungen gestiegen

Von Dezember 2021 bis Januar 2022 seien die Stromrechnungen um über 300 Prozent und die Gasrechnungen um über 400 Prozent gestiegen – und das bei annähernd identischem Verbrauch. „So kann es nicht weitergehen“, sagen Thomas Esser und Thomas Bauer von DBW.

Wegfall der EEG-Umlage bringt Unternehmen nichts

Der Staat profitiere zudem von den hohen Preisen, da er über Steuern und Abgaben eine Menge an Mehreinnahmen erziele. Der Wegfall der EEG-Umlage helfe dem Unternehmen nicht, da energieintensive Industrien ohnehin davon befreit seien. Die Politik müsse etwas tun, gab Esser Bovendes Bürgermeister Thomas Brandes und Göttingens Landrat Marcel Riethig mit auf den Weg, die sich vor Ort ein Bild von der Arbeit des Unternehmens machten.

Riethig versprach, das Thema bei der Landes- und Bundesregierung zur Sprache zu bringen. Es seien kurzfristige Lösungen gefragt, so der Landrat. „Es ist unser vitales Interesse die Unternehmen in der Region zu stützen, dafür werden wir uns einsetzen“, so Riethig weiter. Vor allem der rapide Anstieg der Preise sei ein echtes Problem, bestätigte Bovendens Bürgermeister Brandes.

Geldsparen: Energieverbrauch senken

Die Möglichkeiten, den Energieverbrauch zu senken, nutze das Unternehmen so gut wie möglich, so CEO Esser. „Wir müssen zwar viel Energie in die Produktion stecken, dafür produzieren wir aber Produkte, die zum Gelingen der Energiewende beitragen und später die Umwelt weniger belasten“, erläuterte er.

Selbst produzierter Strom könnte den Bedarf des Unternehmens auch nicht decken: „Wir haben ausgerechnet, das wir das 95-Fache unserer Hallendachfläche mit Solarzellen bestücken müssten, um allein den Stromverbrauch zu decken“, erklärte Esser die Dimensionen.

Es sei frustrierend, dass die Auftragsbücher voll sein, die Geschäfte gut laufen, aber die hohen Energiekosten so belastend wirkten, so Esser. Ein Herunterfahren der Energielieferungen aus Russland ohne angemessene Alternativen hätte schwerwiegende Folgen für viele Industrieunternehmen, ist sich Esser sicher, insbesondere wenn Länder wie China weiter günstigere Energie nutzen könnten. „Dabei sind unsere Standorte hier wichtig für die Wirtschaft vor Ort und die Unabhängigkeit von Importen“, gab Esser zu bedenken. (Thomas Schlenz und Clara Pinto)

Auch interessant

Kommentare