DAMALS IN MÜNDEN

Hann. Münden: Die Wohnungsnot Ende des 19. Jahrhunderts

Die Bebauung der Mündener Innenstadt gilt als extrem verdichtet. Eine Aufnahme des Stadtbauamts um 1938 diente zur Dokumentation der Verhältnisse. Repros: Stefan Schäfer/Christian Mühlhausen
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Die Bebauung der Mündener Innenstadt gilt als extrem verdichtet. Eine Aufnahme des Stadtbauamts um 1938 diente zur Dokumentation der Verhältnisse.

Im 19. Jahrhundert veränderte die Industrialisierung einen Großteil der westlichen Welt - das traf auch Hann. Münden.

Hann. Münden – Die Zahl der Fabriken wuchs und die Menschen drängten in die Städte auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Landflucht und Bevölkerungswachstum machten Wohnraum in den Städten – vor allem günstigen – jedoch schnell knapp, so auch in Münden. Im Altkreis (Dransfeld, Staufenberg und Stadtgebiet Münden) wuchs die Bevölkerung zwischen 1848 und 1905 von rund 18 800 auf knapp 26 000.

Allein in der Kernstadt gab es einen Zuwachs von fast 4 000 Menschen. In den 1860er-Jahren wuchs die Sorge darum, dass bald kaum mehr erschwingliche Wohnungen zu bekommen sein könnten. Tatsächlich dringlich wurde das Problem jedoch erst gegen Ende des Jahrhunderts.

Im September 1897 sprach sogar der sozialdemokratische Dessauer Reichstagsabgeordnete Wilhelm Heinrich Pëus auf einer öffentlichen Versammlung über Arbeiterwohnungen und speziell die Zustände in Hann. Münden.

In der Dreiflüssestadt ließen die Verhältnisse „besonders viel zu wünschen übrig“. Im Oktober desselben Jahres erging dann auf Initiative einer weiteren Volksversammlung hin die Forderung an den Mündener Magistrat, „für gesunde und billige Wohnungen Sorge zu tragen“. Wirklich wirksam wurde die jedoch erst, als im Februar des Folgejahres Hygienevorschriften in Kraft traten. Diese gaben beispielsweise vor, dass „die Aufbewahrung von Mist und Unrath in undurchlässigen Behältern“ und nicht mehr „in Kellern und unter Wohnräumen“ zu erfolgen hatte.

Auch die Tierhaltung wurde reglementiert. Etwas, dass heute unvorstellbar klingt, Ende des 19. Jahrhunderts aber noch längst nicht gang und gäbe war: Nutzvieh durfte nicht mehr mit in die Wohnräume. Es musste außerhalb gehalten werden. Dass die neuen Vorschriften notwendig waren, geht aus einem Bericht hervor, den die Mündenschen Nachrichten seinerzeit veröffentlichten: „In den letzten Wochen habe ich hier circa 30 Arbeiterwohnungen aufgesucht und dabei entsetzliche Verhältnisse gefunden, Verhältnisse die so schlecht sind, daß sie aus gesundheitlichen und sittlichen Gründen nicht lange mehr so fort bestehen können. Ich habe da zum Beispiel Wohnungen gefunden, in denen ein Mann von 1,72 m Körpergröße nicht aufrecht stehen kann, Wohnungen von denen man sagen kann, es scheint weder Sonne noch Mond hinein. Hier ist eine Aenderung dringend geboten.“ Die Vorschriften sollten bis zum 1. Oktober 1898 umgesetzt sein.

Damit ging wiederum ein Problem einher, denn viele Wohnungen wurden aufgrund der neuen Bestimmungen quasi unbewohnbar. So sahen sich viele Menschen vor der Obdachlosigkeit, vor allem Arbeiterfamilien waren betroffen. Das hieß nicht nur, dass schnell neuer Wohnraum her, sondern auch, dass dieser möglichst günstig sein musste.

Das war, sozusagen, die Initialzündung für den Gemeinnützigen Bauverein, denn weder Stadt noch Unternehmer hielt man für tauglich, diese Aufgabe zu erfüllen. Es musste also eine Lösung her und um die zu finden, entstand im Frühjahr des Jahres ein Konsortium, das später zur Gründung des Gemeinnützigen Bauvereins führte. (Sarah Schnieder)

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