Hann. Münden

Erinnerungen für Eltern: Mann fotografiert ehrenamtlich „Sternenkinder“

Frau macht Herz mit Händen
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Das Netzwerk „Dein-Sternenkind“ will Erinnerungen für Eltern von sogenannten Sternenkindern schaffen. Martin Witt aus Hann. Münden engagiert sich dabei ehrenamtlich. (Symbolbild)

Sternenkinder - Der Begriff beschreibt Kinder die vor, bei und kurz nach der Geburt sterben. Ein Fotograf aus Hann. Münden will den Eltern helfen.

Hann. Münden – Kinder, die während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz nach der Geburt sterben, sind ein Tabuthema. Den Angehörigen bleiben häufig wenige Erinnerungen an die sogenannten „Sternenkinder“. Fotografen wie Martin Witt wollen das ändern.

Der Bonaforther ist Mitglied des Netzwerkes „Dein-Sternenkind“, das Erinnerungsfotos von den verstorbenen Kindern für deren Eltern anfertigt. Dafür ist viel emotionales und handwerkliches Geschick nötig, berichtet Witt, der Fotograf im Nebenerwerb ist. Er ist ein bescheidener Mann, der sich mit seinem Ehrenamt nicht darstellen will.

Über 600 Fotografen arbeiten ehrenamtlich für „Dein-Sternenkind“

„Über 600 Fotografen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind für „Dein-Sternenkind“ tätig“, sagt er. Durch eine Freundin sei er zu der Initiative gekommen: Sie habe 2016 ihr Kind verloren. Es sei das Wort „Sternenkinder“ gefallen. „Damals war mir der Begriff nicht bekannt“. Durch seine Recherche ist er auf das Netzwerk gestoßen, das 2013 gegründet wurde, und hat beschlossen, seine Fähigkeiten als Fotograf einzubringen.

Doch wie kommt Martin Witt, der in den Kliniken in Kassel und Göttingen im Einsatz ist, zu einem Auftrag? „Die Eltern wenden sich an das Netzwerk“, berichtet er. Die Fotografen sind in bestimmte „Alarmbereiche“ eingeteilt. Hann. Münden befindet sich im „Alarmkreis 17“, der Kassel, Marburg und Göttingen einschließt und fast bis nach Fulda, Braunschweig und Halle (Saale) heranreicht.

Die ehrenamtlichen Fotografen werden über eine App auf dem Handy alarmiert. Dort können sie angeben, ob sie den Auftrag übernehmen. Der Austausch findet dann in einem speziell gesicherten Internetforum statt. „Einige der Fotografen sind selbst Betroffene“, berichtet der Bonaforther. Untereinander sprechen die Fotografen dann auch Alarmbereitschaften ab.

Viele Kliniken arbeiten mit dem Netzwerk zusammen

Ist es so weit, muss es schnell gehen. Witt, wie auch seine Kollegen, hat einen Notfallkoffer bei sich. In diesem ist auch Kleidung für das Sternenkind, die vom Verein Sternenzauber und Frühchenwunder ehrenamtlich zusammengestellt wird. Mittlerweile haben auch viele Krankenhäuser geeignete Anziehsachen, berichtet der Fotograf.

Vor Ort sei es entscheidend, zu hundert Prozent auf die Wünsche der Eltern einzugehen. „Es ist immer schwer, die richtigen Worte zu finden.“ Empathie ist wichtig für die Arbeit mit den Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben. „Man muss in diesem Moment den Kopf freihaben und einfach funktionieren.“

Wichtig sei zum Beispiel, abzuklären, ob der Fotograf das Kind berühren dürfe. Trotz aller Routine – Witt hat etwa 30 Einsätze seit 2016 absolviert – ist jeder Termin individuell. „Am Anfang war ich völlig aufgeregt“, sagt er über seinen ersten Einsatz.

„Die alten Hasen bringen den neuen etwas bei.“

Allerdings habe man auch bald im Netzwerk erkannt, dass man etwas für die Neuen tun müsse. Mittlerweile gebe es viele Unterforen, in denen sich die Sternenkindfotografen austauschen können. „Die alten Hasen bringen den neuen etwas bei.“ Martin Witt ist es wichtig, dass betont wird, dass die Fotos für die Eltern zu hundert Prozent kostenfrei sind, die Arbeit der Fotografen ist ehrenamtlich.

Zudem löscht der Ersteller die Bilder bei sich. Sie werden, nur wenn die Eltern zustimmen, auf zwei externen Servern gespeichert. Das bringt den Eltern die größtmögliche Sicherheit. Zudem müsse sich jeder Fotograf, der mitarbeiten will, mit einem Portfolio bewerben. „Wir müssen professionell sein, in den Krankenhäusern ist oft schlechtes Licht“, berichtet Witt. Gute Ausrüstung und Kenntnis seien unablässig.

Thema Sternenkinder mehr im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern

Das Thema Sternenkinder sei in den letzten Jahren immer mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft gerückt, berichtet Martin Witt. Viele Kliniken bieten Beratung für Eltern von Sternenkindern an und machen sie mit dem Angebot von „Dein-Sternenkind“ vertraut. „Auch während der bisherigen Hochphase der Coronakrise hat die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern gut funktioniert“, fasst Martin Witt zusammen.

Netzwerk „Dein-Sternenkind“ gibt es seit 2013

Das Netzwerk „Dein-Sternenkind“ wurde 2013 von Kai Gebel gegründet. Er ist selbst Vater von sechs Kindern. Ziel der Initiative ist es, Andenken für die Eltern von Kindern, die während, vor oder nach der Geburt sterben, zu schaffen. Mittlerweile engagieren sich über 600 Ehrenamtliche. Zahlreiche Kliniken unterstützen „Dein-Sternenkind“ und bieten Informationsmaterial für Eltern an. Laut Pressekoordinator Oliver Wendlandt gab es im Juni dieses Jahres 290 Einsätze. Das sei der höchste Stand seit Bestehen der Initiative. Die Coronakrise sei nur zwei Monate lang zu spüren gewesen. (Von Jens Döll)

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